Entführung, Flugzeugabsturz und Insolvenz: Die abenteuerlich Reise des Bodo Janssen

Um das eigene Team mit Werten zu führen, braucht es häufig eine Krise. Bodo Janssen zeigt anderen Unternehmern, wie Leitbilder erlebbar und lebendig werden. Doch dazu musste er erst sein eigenes Führungsdesaster erleben – um dann mühsam zu erfahren, wie das Führen mit Werten glaubwürdig geht.

„Ich war kein Überflieger“, betont Bodo Janssen. „Das Abi habe ich mit Müh und Not geschafft!“ Heute leitet der 40-Jährige ein Unternehmen mit 10 Hotels und über 600 Ferienwohnungen entlang der Nord- und Ostseeküste und gilt als innovativer Arbeitgeber, der mehrfach ausgezeichnet wurde. Doch bis dahin war es ein steiniger Weg durch tiefe Täler.

Shooting "Heimliche Helden", Bodo Janssen, Upstalsboom für die DKB am 25. September 2015 auf Schloss & Gut Liebenberg /// Foto: Monique Wüstenhagen

Shooting „Heimliche Helden“, Bodo Janssen, Upstalsboom für die DKB am 25. September 2015 auf Schloss & Gut Liebenberg /// Foto: Monique Wüstenhagen

Lieber tot als Sklave

Unzufriedene Gäste, frustrierte Mitarbeiter und dann auch noch eine Insolvenz – so sah die Eröffnungsszene für den jungen Hotelerben Bodo Janssen aus. Shareholder bestimmten den Kurs von Upstalsboom, der norddeutschen Hotelgruppe. Aber dann stolpert er über einen alten Ostfriesenspruch, der ihm seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht „Lieber tot als Sklave!“ – er meint damit die Abhängigkeit von Investoren.

Die Heldenreise des Bodo Janssen erlebt noch zusätzliche Dramatik, als sein Vater mit seinem Flugzeug im Wattenmeer abstürzt. Mit 33 Jahren ist Bodo Janssen plötzlich Chef ohne den Rückenwind und Rat des Gründervaters. Er greift nach Baumstämmen, die ihm scheinbar Halt geben sollen, und entdeckt zu spät, dass es nur dünne Strohhalme sind. Sein jugendliches Ego als Hotelmanager verblendet den Blick auf die Realität. Küstennebel umweht nicht nur die Hotelgruppe, sondern verhindert auch einen realistischen Weitblick.

Mehr Ebbe als Flut bei Upstalboom

Während sich der Hotelerbe schon auf dem Titelbild des Managermagazins sieht, kündigen immer mehr Mitarbeiter, die Fluktuation steigt, die Leistung sink. Mehr Ebbe als Flut bei Upstalsboom – der natürliche Wechsel der Gezeiten scheint ausgesetzt. Bodo Janssen testet neue Management-Methoden, vertraut Gurus und verpasst beinahe die beste Ratgeber-Option im eigenen Hause: seine verbliebenen Mitarbeiter.

In einer lichten Stunde lässt er sein Team befragen – und will der Auswertung gar nicht glauben. Denn das Ergebnis ist eine Ohrfeige, die sitzt: „Was brauchen Sie, um besser arbeiten zu können?“ Antwort eines Mitarbeiters: „Einen anderen Chef als Bodo Janssen!“ Mister Ego ist verwundet, der Hieb hat ihn getroffen. Kleinlaut gibt er zu: „Das war der Beginn meiner existenziellen Krise.“ Janssen erkennt, dass eine Flucht nicht möglich ist und trifft als Held die einzig richtige Entscheidung: „Ich darf die Ergebnisse nicht schönreden und muss sie allen Mitarbeitern offenbaren.“

Management by Champignons

Sein Gang nach Kanossa beginnt in der Firmenzentrale in Emden: Bodo Janssen legt alle Karten auf den Tisch und erfährt, dass diese Offenheit der erste Schritt zu seiner Heilung ist. Doch das Kernproblem ist noch nicht gelöst: „Management by Champignons – die Köpfe sind im Dunkeln“, so beschreibt er seinen damaligen Führungsstil. Dessen Ergebnis: Die Mitarbeiter fühlen sich orientierungslos. Hinzu kommt eine diffuse Angst im Team, die durch die Insolvenz ausgelöst wurde.

„Viele Mitarbeiter agierten im Alltag wie Autopiloten, Kreativität war erst nach Feierabend gefragt!“ Janssen erkennt, dass er dieses Gift nicht mit Geld behandeln kann, sondern nur mit einer neuen Kultur der Mitarbeiterführung. In seiner Not geht er ins Kloster, das scheint ihm ein letzter Strohhalm zu sein, der sich später als massive Eichendiele entpuppt. Auf diese Fundament wird er in den kommenden Jahren seinen neuen Führungsstil gründen – doch das ist dem Chef-Novizen in diesem Augenblick noch nicht klar.

Bodo Janssen berichtet von seinen wertvollen Erfahrungen

Bodo Janssen berichtet von seinen wertvollen Erfahrungen

Nur wer sich selbst führt, kann andere führen!

Ein Pater konfrontiert ihn mit der These: „Nur wer sich selbst führt, kann andere führen!“ Das ist Bodo Janssens Schlüsselfrage: Kann ich mich selbst führen? Es dauert eineinhalb Jahre bis er diesen Prozess abschließen kann. Er erarbeitet sein persönliches Leitbild, lernt die richtigen Fragen zu stellen und erkennt, was für ihn wesentlich in seinem Leben ist.

Mit Krisen hat Bodo Janssen Erfahrung: Bereits als 24-Jähriger wird der junge Hotelerbe entführt und traumatisiert. Die täglichen Scheinhinrichtungen verursachen Verletzungen und Narben in seiner Seele, die bis heute spürbar sind. Er weiß, wie es sich anfühlt, Abschied vom eigenen Leben zu nehmen, und buchstabiert die große Meisterfrage im Lebensquiz: „Bodo, was ist wirklich wesentlich?“ Nach Entführung, Insolvenz und Tod des Vaters ist ihm bewusst, wie schnell alles Materielle genommen werden kann. Plötzlich merkt er, wie stark sein Glück auf Sand gebaut ist.

Die Tränen eines Managers

Er beobachtet ein glückliches Kind, spürt die eigenen Tränen und erkennt, wie wichtig ihm das tiefe Glück der Menschen ist. Damit beginnt sein Paradigmen-Wechsel: „Ich setze auf Menschen!“ Bodo Janssen erkennt einen neuen Glaubenssatz, der die alte Lebensformel auf den Kopf stellt: „Erfolg bedeutet für mich, dass Mitarbeiter innerlich zufrieden sind, und das überträgt sich auch auf die Gäste!“

Er lädt sein Team ins Kloster ein, um sich selbst zu entdecken. Die Aufgabe für jeden: eine eigene Haltung entwickeln, um selbst Verantwortung zu übernehmen. Wofür bin ich da? Was ist mein Talent? Er stiftet die Mitarbeiter an, ihre eigenen Werte zu definieren. Aus 100 Werten entsteht später ein neues Leitbild, das sein Team selbst entwickelt. Diese 12 zentralen Unternehmenswerte werden seitdem in den einzelnen Häusern nicht nur an die Wand gepinnt, sondern im Alltag von den Mitarbeitern selbst umgesetzt.

Nachhilfeunterricht in Menschlichkeit

„Werte sind wertlos, wenn sie nicht erlebbar sind“, betont Janssen und gibt jedem Teammitglied zwei bis drei Tage zusätzlich frei, um sich in einem sozialen Projekt zu engagieren. Sechs Mitarbeiter folgen seiner Einladung, nach Ruanda zu reisen und dort eine Schule zu bauen. Dieser „Nachhilfeunterricht in Menschlichkeit“ verändert die Kultur bei Upstalsboom nachhaltig. An der zweiten Ruanda-Tour beteiligen sich bereits 20 Mitarbeiter und mauern mit großer Leidenschaft die Wände einer weiteren Schule. „Wir sind da, um von den Kindern zu lernen“, erklärt eine Hotelmitarbeiterin. In diesen Tagen entwickelt sich ein neues Bewusstsein: Wofür stehe ich täglich auf? Was sind meine Talente? In Ruanda wächst eine neue und viel stärkere Identität als Unternehmensfamilie.

Die Abenteuer des Bodo Janssen enden in einem Ohrensessel: Das ist sein persönliches Leitbild: „Wenn ich als Senior mit meinen Enkeln dort sitze, möchte ich die Geschichten von glücklichen Menschen erzählen!“ An diesem Lebensziel arbeitet er heute schon.

Dieser Beitrag erschien zuerst im neuen Business-Magazin „EPOS“. Klicken Sie hier, um das Magazin kostenfrei anzusehen.




Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

CAPTCHA Image