Scheinriesen: Stärke ist kein Zufall!

Schauen Sie Scheinriesen keck in die Augen

Jim Knopf, der kleine schwarze Junge aus Lummerland, der mit seinem Freund Lukas, dem Lokomotivführer, viele spannende Abenteuer erlebt, gehört zu den Lieblingsfilmen meiner Kindheit. Vor allem die Szene mit Herrn Tur Tur, dem Riesen. Alle laufen vor ihm weg. Nur Jim Knopf nicht.
Jim macht eine wichtige Erfahrung: Herr Tur Tur ist gar kein echter Riese. Er ist nur ein Schein-Riese. Aus der Ferne sieht er riesengroß aus, aber je näher man ihm kommt, desto kleiner wird er. Und als er Jim Knopf Auge in Auge gegenübersteht, ist er nicht viel größer als Jim.

Foto: Shutterstock

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Scheinriesen begegnen uns jeden Tag

1960, als das Kinderbuch von Michael Ende erschien, war der Scheinriese noch ein einzigartiges Phänomen. Doch heute wäre Herr Tur Tur nicht alleine. Täglich begegnen mir Menschen – leider häufig Führungskräfte – die gerne die Rolle eines Scheinriesen einnehmen. Besonders dann, wenn Sie in der Lage sind, Macht ausüben zu können, plustern Sie sich auf wie ein Michelin-Männchen und Herr Tur Tur hätte noch reichlich Schatten hinter ihnen.

Die Möglichkeit, ein eigenes Bild von sich zu gestalten, ist ziemlich verlockend. Ich habe überhaupt nichts gegen Scheinriesen, ich bin hin und wieder selber einer. Sie auch? Mein Vater hätte dazu gesagt: „Große Klappe- nix dahinter“ und im Ruhrgebiet gibt es dazu einen Spruch, der in diesem Blog leider nicht zitierfähig ist. Was sagen die Fachleute? Die Psychologie sagt: „Wenn die Kluft zwischen Selbstbild und Wirklichkeit zu groß ist, leidet die Kommunikation.“ Aha – hier liegt also der Knackpunkt.

Scheinriese oder authentische Persönlichkeit?

Wir leben im Land der Scheinriesen, weil Menschen unter anderem auch in sozialen Netzen häufig größer wirken wollen, als sie aus der Nähe sind. Aus der Ferne, in digitalen Welten, grüßt Herr Tur Tur und im wirklichen Leben haben Scheinriesen Angst vor Nähe und realen Begegnungen.

Wenn Sie mal Lust und Zeit haben, gönnen Sie sich das Vergnügen und schauen sich die kurze Sequenz aus Jim Knopf und die Lokomotive an.

Ganz besondere Qualität bekommt der Film „Avatar- Aufbruch nach Pandora“, wenn Sie einzelne Dialoge unter dem Gesichtspunkt der Persönlichkeits- und Charakterentwicklung betrachten. Die moderne Variante von Herrn Tur Tur wären aus meiner Sicht nämlich Avatare. Avatare sind künstliche Personen oder Grafikfiguren, die einem Internetbenutzer in der virtuellen Welt zugeordnet wird.

Keine Angst vor Defiziten

Sie entscheiden selbst, ob sie Ihre Stärken betonen und mit Ressourcen glänzen wollen, oder im Entwicklungsprozess Ihres Selbstmarketing-Avatars stehen bleiben wollen. Suche Sie Antworten für folgende Fragen:

Wie wollen Sie aus der Ferne gesehen werden?

Wie können Sie sicher sein, dass Ihre Sicht der Wirklichkeit mit der Sichtweise Ihrer Mitarbeiter übereinstimmt?

Haben Sie den Mut, Ihre Mitarbeiter um ein ehrliches Feedback zu bitten?

Mut zur Realität

Michael Ende rührt mit der Figur des Herrn Tur Tur auch unsere Herangehensweise an viele unserer Probleme: Sie sehen aus der Ferne so groß aus, sie erschrecken uns mit ihrer Fremdheit und Bedrohlichkeit. Warum sind sie bedrohlich? Weil wir sie noch nicht kennen, weil wir uns selbst nicht gut kennen und meinen, noch nicht erfahren zu haben, dass wir durchaus in der Lage sind, uns einer Herausforderung zu stellen. Wenn man Ihr Scheinriesen-Bild reduziert: Welches Originalformat, welche Qualität, welche Größe bleibt?

Mein Tipp:

Nähern Sie sich Riesen mit Respekt, aber schauen Sie Ihnen keck in die Augen. Prüfen Sie immer zuerst, mit wem Sie es zu tun haben, bevor sie der Angst Raum geben.
Das Annähern an den Riesen, dieses Sich-Trauen, ist häufig die Motivation, mit einem Coach ein Ziel festzulegen und gemeinsame Schritte gegen die Angst zu gehen.

Keine Angst vor Schrumpfung

Erstaunlicherweise ist der Umgang mit Riesen gar nicht so einfach. Aber noch schwieriger ist es, sein eigenes Selbstbild zu korrigieren, wenn das Feedback von lieben Menschen zeigt, dass Sie zu oft über die Stränge schlagen und ein Schrumpfungsprozess angemessen wäre. Das ist starker Tobak, oder nicht?

Üben Sie sich in der Kunst, ein angenehmer Zeitgenosse zu sein. Praktisch sieht das so aus:

  • Häufiger anderen zuhören, als selbst reden.
  • Gefühle respektieren.
  • Lieber Fragen stellen als Argumente ins Feld führen
  • Von anderen lernen, als sie zu belehren.
  • Besser die Erfolge der Gesprächspartner thematisieren als ihre Niederlagen.
  • Kleine Gesten des Entgegenkommens im alltäglichen Gespräch.
  • Selbstlos versuchen, anderen zu dienen. Ein Mensch, der sich in die Lage der anderen versetzen kann und Verständnis für sie aufbringt, braucht um seine Zukunft nicht zu bangen.
  • Lieber anhalten und freundlich lächeln, als gehetzt durchs Leben zu ziehen.

Ich werde in diesem Sommer wieder auf den Weltmeeren unterwegs sein und dem ein oder anderen Riesen begegnen. Mein Rezept: Ich lächle und bin am Ende meiner Ferien Lächel-Millionärin.


Monika Bylitza

sammelte 20 Jahre Praxiserfahrungen auf den Gebieten Personalführung, Coaching, Wertpapiermanagement und Vertrieb bei einer deutschen Großbank. Heute coacht sie Privatpersonen und Führungskräfte. Termine unter:
www.typakademie.de/bylitza



Kommentare

Babette Buchner says

Liebe Monika, das ist ein Artikel für mich. Ganz herzlichen Dank.( woher kennst Du mich so gut...?)

Gerd Huß says

Hallo Frau Bylitza,
vielen Dank für den Ausflug nach Lummerland mit Jim Knopf und seinem Freund Lukas.
Mit Respekt den Riesen nähern und das mit Mut. Möglicherweise muss ich auch "Farbe" bekennen. Jim hatte ja nun "wirklich keine Angst" bei der Begegnung mit dem Riesen. Und die Körperlänge eines Menschen sagt nichts über die wahre Größe eines Menschen aus. Nochmals Danke für Ihren er­mun­ternd Bericht.
sonnige Grüße
Gerd Huß

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