Social Campaign: Ich brauche kein Mitleid, sondern einen Job

Tim Kaun und sein Team von Jung von Matt haben Mut: Gemeinsam entwickeln sie eine soziale Medienkampagne. Die Social Campaign soll die Lücke zwischen Fachkräfte-Mangel und Flüchtlings-Flut schließen. Damit spricht die Kampagne ein sensibles Thema an. Warum dies so ist und warum sich Unternehmen immer noch schwer tun, Geflüchtete einzustellen, versuche ich in diesem Beitrag zu klären.

Social Campaign

Tim Kaun (Mitte) und der Deutsche Knigge Rat

Öffentliche Aufmerksamkeit für ein soziales Projekt

Mit Tim Kaun habe ich schon etliche Buch- und Medienprojekte realisiert, als er noch Student war. Dabei begeistern mich sein kreatives Talent und die Liebe zu gedruckten Medien. Als nun im Januar die neue Kampagne für „Social Bee“ bundesweit startete, war ich sehr neugierig auf die Reaktionen und habe ihn letzte Woche in den Deutschen Knigge Rat eingeladen, um darüber zu berichten.

Die Aufklärungskampagne möchte Unternehmen herausfordern – das ist das erklärte Ziel: Sie sollen Geflüchtete einstellen. Auf den ersten Blick: Eine Win-Win-Situation. Die Unternehmen suchen hunderttausende von Mitarbeitern, auch Menschen, die einfache manuelle Arbeiten übernehmen. Auf der anderen Seite integrationsbereite Flüchtlinge, die einen Job suchen und damit auch die Sozialsysteme entlasten.

Doch das gesellschaftliche Klima ist seit zwei Jahren mehr als vergiftet. Seit der großen Welle im Sommer 2016 bestimmen Angst und Hass die öffentlichen Diskussionen. In diesem Setting sagt Zeray G. in die Kamera: „Ich brauche kein Mitleid, sondern einen Job“. Zusammen mit Naser A., Bangalie K. und Qutayba N. ist er das Gesicht der neuen Integrationskampagne.

Persönliche Fluchtgeschichte als Mitarbeiterstärke

Tim Kaun berichtet von den Gesprächen mit Social-Bee, einem neuen Sozialunternehmen im Bereich Arbeitsmarktintegration. Im Deutschen Knigge-Rat macht er deutlich, warum die Werber versuchen, mit den vier Protagonisten das Thema emotionaler zu erzählen. In der Diskussion stellen wir fest, dass uns die persönlichen Fluchtgeschichten deutlich mehr unter die Haut gehen als das abstrakte Thema. Denn, so die Kampagnenzeile: Soft skills can come the hard way.

Der junge Kreative stellt auch die neue Website vor: www.employ-refugees.de bietet Unternehmen und Geflüchteten die Möglichkeit, sich mit Social-Bee in Verbindung zu setzen. Tim Kaun berichtet, dass die soziale Kampagne mit deutschlandweit über 2.200 Plakatflächen und 4.000 Bildschirmen gestartet wurde. Dadurch haben Millionen von Menschen, von diesem Projekt erfahren.

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Mehr als 500.000 Geflüchtete in Deutschland suchen Arbeit

Die aktuelle Kampagne von Social-Bee soll deshalb nicht nur die Jobsuche für Geflüchtete einfacher machen. Viel mehr provoziert sie ein generelles Umdenken: Mit Fluchterfahrung ist man kein schwächerer Kandidat auf dem Arbeitsmarkt. „Das Erlebte kann sich in eine Stärke verwandeln. Wer das einmal im Kopf hat, wird immer wieder daran denken müssen. Auch, wenn er das nächste Mal einem Bewerber mit Fluchthintergrund gegenüber sitzt.“, erklärt Maximilian Felsner, Co-Founder von Social-Bee, die Idee hinter der Kampagne.

Mitgründerin Zarah Bruhn ergänzt: „Viele Geflüchtete erzählen uns, was sie durchgemacht haben und wie schlimm das war. Trotzdem sagen sie auch, wie stolz sie darauf sind, es geschafft zu haben. Die meisten sind wahnsinnig stark daraus hervorgegangen. Was für den Arbeitsmarkt eine echte Chance sein kann.“

Die Kampagne zeigt das durch sogenannte „Soft Skills“, die auf die harten Fluchterfahrungen zurückgeführt werden. Zeray G. sagt von sich: „Ich habe auf einem Boot mit 85 Menschen überlebt. Ich bin teamfähig“. Qutayba N. erzählt von tagelangen Verhören mit der serbischen Polizei und sagt dann selbstbewusst: „Ich bin stressresistent“.

Social Bee übernimmt den bürokratischen Aufwand

Tim Kaun berichtet, dass viele Arbeitgeber vor allem den bürokratischen Aufwand fürchten, den die Einstellung mit sich bringt. Um dieses Problem effektiv zu lösen, erfindet Social-Bee das Modell der Zeitarbeit auf soziale Weise neu. Als zwischengeschalteter Arbeitgeber stellt das Social Start-Up die Geflüchteten für maximal eineinhalb Jahre bei sich an und beschäftigt sie bei seinen Partnerunternehmen (z.B. Würth, Vollcorner, Krones).

Darüber hinaus betreut Social-Bee seine Angestellten im Rahmen eines Integrationsprogramms, bestehend aus Deutschkursen, sozialpädagogischer Hilfe und Zusatzqualifikationen. Ziel ist es, die Geflüchteten fit für den deutschen Arbeitsmarkt zu machen und möglichst schnell eine Übernahme durch das Kundenunternehmen oder auch einen anderen Arbeitgeber zu erreichen.

Im Deutschen Knigge-Rat sind wir natürlich neugierig auf das Echo dieser Social Campaign. Tim Kaun ist ein Optimist, aber kein Schönmaler. Trotz millionenfacher Kontakte, gibt’s es keinen Grund zur Zufriedenheit: Denn noch immer fehlen kleine und große Unternehmen, die sich aktiv darum bemühen, Geflüchtete einzustellen.

Kritische Kommentare bei Facebook & Co.

Scharf ist der Ton dagegen in den sozialen Netzwerken. Hass-Kommentare begleiten bis heute die Kampagne: „Wie kommt ihr auf so einen Quatsch? Das einzige was sie bisher gezeigt haben war Teamfähigkeit zur Silvesternacht. Als ob stundenlange Fußmärsche oder das Fahren in einem Schlauchboot einen für den deutschen Arbeitsmarkt qualifizieren.“

Dass jeder negative Kommentar, durch den Facebook-Logarithmus für noch mehr Verbreitung sorgte, bestätigt die Strategie. Social Bee agiert entspannt und hat sich – so scheint es – an die Flut der negativen Stimmen bereits gewöhnt.

Souverän kommentieren die Mitarbeiter jeden Beitrag. „Wenn unsere Kampagne diese Einstellung bei möglichst vielen Leuten erreicht, haben wir schon gewonnen.“, fasst Zarah Bruhn das übergeordnete Ziel des Projekts zusammen. „Je mehr Geflüchtete dadurch eine Chance auf dem deutschen Arbeitsmarkt bekommen, desto besser.“

Mein Best-Practise-Tipp

Haben Sie als Unternehmer den Mut auch über Ihr soziales Engagement im persönlichen Blog und in den Medien zu berichten. Stellen Sie sich dabei auch auf Gegenwind ein. Jedes gesellschaftliche Engagement kann polarisieren. Kritische Stimmen – auch in den sozialen Medien – gehören dazu.

Ermutigen Sie Ihre Mitarbeiter, souverän mit Kritik umzugehen. Reagieren Sie nach Möglichkeit zeitnah und bleiben Sie dabei sachlich.

Ich persönlich habe für mich die Entscheidung getroffen, Initiativen zu unterstützen, die sich gesellschaftlich FÜR ein Ziel und nicht GEGEN ein Projekt richten. Einige Beispiele finden Sie hier.




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