Am Montag bin ich 65 Jahre alt geworden. Wachse ich dadurch in eine neue Version von mir selbst hinein? Welche Ideale und Träume will ich noch leben? Ein kurzes Innehalten an einem fast normalen Tag.

Tusitala

Machs gut altes Haus

Mein Papa ging mit 58 Jahren in den Ruhestand. Damals gab es noch einen Geschenkkorb mit Salami, Wein und ein paar Sachen. “Mach´s gut altes Haus”, haben die Kollegen zum Abschied vermutlich gesagt. Die folgenden Jahre verbrachte er bastelnd in seinem Hobbykeller – eine Szene wie bei Loriot in “Papa Ante Portas”

Als Selbständiger erwartet mich kein Geschenkkorb. Die Ahle Worscht bekomme ich hin und wieder nach einer Lesung überreicht. Gerne möchte ich als Schriftsteller so lange wie möglich schreiben. Also locker weiter laufen, den Tag einfach übergehen?

Ganz so einfach ist es nicht. Vor vier Wochen ist Heike, ein Freundin von uns gestorben. Sie wäre Ende März auch 65 Jahre alt geworden, doch sie hat ihren Geburtstag leider nicht mehr erlebt. Ihr Tod war ein Momentum Mori für mich: Bedenkt, dass ihr sterben müsst, auf das ihr klug werdet.

Werde zu dem, was du bist

Ich habe am Wochenende ein kleines Buch von Frère Roger, dem ersten Prior von Taizé gelesen. Er schreibt: “Werde zu dem, was du im Grund deines Herzens bist… und der Geist des Kindseins, das Staunen einer Liebe kehrt zurück.”

Mich hat dieser Satz sehr berührt. Welche Version von mir selbst will ich leben? In den letzten 65 Jahren gab es eine ganze Reihe von beruflichen Identitäten: Der junge Lokalreporter, der Radiomoderator, der Fernsehjournalist. Aber auch der Knigge-Mann, der Fotograf, der Filmemacher und seit 5 Jahren der Romanautor.

Im Rückblick geht es nicht um die Versionen, sondern die zentrale Identität: In allen beruflichen Rollen war und bin ich ein “Tusitala”, ein Geschichten-Erzähler. Dieser Begriff stammt aus Samoa, wo der Schriftsteller Robert Louis Stevenson gelebt hat. Die Einwohner gaben ihm diesen Ehrennamen.

Als “Tusitala” liebe ich das Schreiben, Menschen beobachten, ihnen eine Bühne bieten. Aber auch das Leben teilen, von anderen lernen, Wissen weitergeben. Seit vier Jahren betreibe ich ehrenamtlich ein Online-Magazin. Auf Nordhessenliebe versuche ich gute Geschichten über meine neue Heimat zu erzählen, interessante Menschen und Orte vorzustellen.

Das letzte Jahr hat Narben hinterlassen

Zur ehrlichen Bilanz meines bisherigen Lebens zählt auch der Wasserschaden in unserer Gutshof Akademie. Er hat im letzten Jahr einen Lebenstraum von meiner Frau und mir zerstört. Für uns völlig unverständlich. Dazu die monatelange Untätigkeit unserer Versicherung. Bis heute ist der Fall nicht abgeschlossen. Diese emotionalen Wunden heilen nur langsam ab.

Heute morgen habe ich wieder mal Bonne China aus dem Küchenschrank geholt. Hauchdünnes Porzellan, transparent und durchsichtig. Manches Mal fühle ich mich wie Bonne China. Das liegt sicher an meiner Wahrnehmungsstärke und der hohen Sensibilität – eine wichtige Grundlage in meiner schriftstellerischen Arbeit.

Gleichzeitig spüre ich auch die Endlichkeit.

Die Fragilität des Lebens

Im letzten Jahr habe den Umbruch positiv genutzt und mein Leben geordnet. Vorsorge-Vollmacht erteilt, beim Notar das Testament erstellt, eine Stiftung gegründet und meine Beerdigung geplant. Als nächstes Projekt steht die Übergabe der Akademie an unseren Nachfolger an. Den ersten Meilenstein dafür haben wir diese Woche gesetzt.

Bei allem Ordnen erfüllt mich eine tiefe Dankbarkeit. Inmitten der Fragilität des Lebens bin ich dankbar für meinen christlichen Glauben , der mich seit 50 Jahren trägt und über die Jahrzehnte immer tiefer Wurzeln geschlagen hat.

Hinzu kommt mein Glück mit Ilona: In wenigen Tagen werden wir unsere Silberhochzeit feiern. Auch das vertieft meine Dankbarkeit. Sie hat mir zum letzten Geburtstag meinen Lieblingskuchen gebacken: Eine Zuger Kirschtorte.

Edvard Grieg Museum Troldhaugen / Foto: Holger Uwe Schmitt – Wikipedia

Welche Träume will ich noch leben?

Zum Schluss noch ein kurzer Blick in die Traumkiste. Welche Ideale und Träume will ich noch leben? Da ist die Suche nach einem neuen Zuhause in Nordhessen. Ein Ort, um kreativ die Zukunft mitzugestalten. Visionäre und Denker zusammenzubringen.

Ich träume von einem kreativen Rückzugsort wie die Komponistenhütte von Edvard Grieg in Norwegen, um weitere Romane zu entwerfen.

Gemeinsam suchen wir auch einen neuen Zuhause, einem Ort der Stille und des Dialogs. Ich glaube, dass die Suche nach Sinn und Spiritualität zunehmen wird. Von daher soll es auch ein Ort der Hoffnung werden, an dem die Besucher neu ermutigt werden.

Wir möchten mit interessanten Salon-Gesprächen den Dialog auf Augenhöhe ermöglichen. Gemeinsam über die Zukunft nachdenken, neue Perspektiven entwickeln.