Vor 20 Jahren haben Agnes Anna Jarosch und ich den Deutschen Knigge-Rat gegründet. Gestern war das Jubiläum in Wetzlar. Statt sich selbst zu feiern, haben die Schüler der Goetheschule mit dem Rat neue Regeln für den souveränen Umgang mit den sozialen Netzwerken entwickelt.

Schüler der Goetheschule Wetzlar 2025 & Deutscher Knigge Rat – Fotos: Andreas Lehmann

Ein Jubiläum der besonderen Art

Es gibt Kairos Momente in denen alles zusammenpasst. Gestern war so ein Tag. Die Schüler der 13. Klasse waren gespannt auf den Knigge Rat. Zip Hoodie meets Businessanzug. Doch die anfänglichen Berührungsängste waren schnell überwunden.

Bereits nach wenigen Minuten diskutierten Schüler und Experten intensiv in vier Gruppen über TikTok, Instagram und Co. Es ging um Respekt in den sozialen Netzwerken, was nach Ansicht der Jugendlichen geht und was nicht.

Beide Seiten berichteten aus ihrer Welt, die nur einen Klick auseinander liegt. Generation Z und die Babyboomer. Die Schüler formulierten Wünsche an andere Jugendliche, aber auch an Lehrer und Eltern. Am Ende des Vormittages trugen sie die Ergebnisse zusammen. Der Knigge-Rat wird die Empfehlungen der Schüler in Kürze veröffentlichen.

Es war ein Dialog der besonderen Art, der beide Generationen verbindet. Ein Jubiläum, das auch die Medien interessierte, die gestern Abend bereits darüber berichteten.

Die Gründungsmitglieder mit Moritz Knigge (Mitte) im Oktober 2005 in Limburg

Wenn Herr Knigge nicht mitspielt

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Gründungssitzung im Oktober 2005. Gemeinsam mit dem Verlag für die Deutsche Wirtschaft haben wir als TYP Akademie den Deutschen Knigge Rat initiiert. Besonders spannend: Als Gründungsmitglied war Moritz Knigge dabei – Nachfahre des bekannten Adolf Freiherr von Knigge.

Auch beim Auftakt gab es ein großes Presseaufgebot: Fernsehen, Radio und Print waren gekommen, um darüber zu berichten. Kurios: Die meisten Journalisten wollten von Moritz Knigge aktuelle Etikette Regeln hören. Doch dazu hatte er keine Lust.

Warum? Weil Moritz Knigge wie seine Vorfahren die Herzenshaltung propagierte: Also nicht äußere Regeln, sondern innere Werte sollen das zwischenmenschliche Verhalten bestimmen. Doch für den schnellen Journalismus waren Do´s and dont´s gefragt. Etwas, dass Herr Knigge auch vor laufenden Kameras nicht bieten wollte. Ich konnte seinen klaren Standpunkt gut nachvollziehen.

Auch als Knigge-Trainer habe ich lange Jahre unterrichtet, dass es genügend Situationen gibt, in denen ich Etikette-Regeln brechen muss, um mein Gegenüber nicht bloss zu stellen. Doch damit ich Regeln brechen kann, muss ich sie zuerst kennen und dann situationsabhängig entscheiden. Moritz Knigge ist im März 2021 gestorben. Er konnte unser Jubiläum gestern leider nicht miterleben.

Der langjährige Protokollchef der Bundespräsidenten Horst Arnold mit den beiden Vorsitzenden Agnes Anna Jarosch und Rainer Wälde 2015 in Bonn.

Die falsche Beatrix und der Protokollchef

In den 20 Jahren haben mehrere Protokollchefs im Deutschen Knigge Rat mitgearbeitet: In den ersten Jahren Alexander von Fircks, der für die Bundesregierung und die EXPO in Hannover tätig war. Danach Gabriele Baeker die Protokollchefin des Volkswagen Konzerns.

In den Sitzungen des Knigge Rats gab es neben dem fachlichen Austausch auch viel zu Lachen. Wie die Geschichte der falschen Beatrix beim Bundespräsidenten. Als Hape Kerkeling seinen wohl berühmtesten TV-Auftritt hatte, war Horst Arnold für das Protokoll zuständig.

Er war der Mann, der kurz vor der Ankunft der holländischen Königin, das Double galant abwimmeln musste. Im TV-Mitschnitt ist diese Szene gut zu sehen. Was die Zuschauer nicht wussten: Hape Kerkeling kam am falschen Eingang an. Arnold musste in Windeseile von einer Seite des Amtssitzes zur anderen wechseln.

Zum 10jährigen Jubiläum des Deutschen Knigge Rates haben wir uns in der Villa Hammerschmidt in Bonn getroffen und auch über diese Szene herzlich gelacht.

Jubiläumsfeier in Bonn

Dankbarkeit für 20 Jahre

Seit fünf Jahren leitet Jonathan Lösel aus Bamberg den Deutschen Knigge-Rat. Ich freue mich sehr, dass er die Arbeit mit einem sehr engagierten Kreis von Experten fortführt.

Viele Menschen verbinden Knigge immer noch mit steifer Etikette, mit angestaubten Regeln. Doch nach der Begegnung mit den Schülern gestern glaube ich, dass die Arbeit des Knigge-Rats wichtiger ist denn je. Es braucht ein Gremium, das über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen diskutiert, auch Themen aufgreift, die von den meisten Medien ignoriert werden.

So hat der Rat gestern beschlossen, sich 2026 aktiv für die Menschen mit einer Schreib- oder Leseschwäche einzusetzen. Eine Studie des Bildungsministerium hat herausgefunden: In Deutschland können rund 6,2 Millionen Erwachsene nicht oder nur unzureichend lesen und schreiben, was etwa 12,1 % der erwerbsfähigen Bevölkerung entspricht.

Dieses Thema will der Deutsche Knigge Rat mit Fachverbänden aufgreifen und medial in die Öffentlichkeit bringen, um Verständnis und Angebote für diese Menschen zu entwickeln. Ich bin sehr gespannt, was dieser Dialog bringt.

Weitere Informationen: https://knigge-rat.de