In Schweden gibt es das Wort “döstädning” – eine Kombination aus “sterben” und “aufräumen”. Zwei Wochen lang habe ich mein Büro ausgemistet und dabei alle Sachen noch einmal in die Hand genommen.

Warum fällt es so schwer, sich von Dingen zu trennen?
Lassen Sie mich zuerst ein Bekenntnis machen: Ich halte nicht sehr viel von Neujahrs-Vorsätzen: Mann sollte, man müsste. Meist werden sie dann doch nicht umgesetzt.
Stattdessen habe ich bereits vor Weihnachten meinem Büro eine Diät verordnet. Zuerst den Schreibtisch komplett abgeräumt, dann den Büroschrank ausgeräumt. Einmal alles raus. Meine Hoffnung: Weniger Ballast, mehr Freiraum – und danach eine neue Ordnung.
Doch dann habe ich gemerkt, wie viel emotionale Arbeit damit verbunden ist. Das sind nicht nur Bilder, die in meinen Schubladen liegen, sondern kostbare Lebenserinnerungen. Die Bücher im Regal sind nicht nur Lesestoff, sondern meine persönliche Lesebiografie. Sie erinnern mich an wichtige Impulse, die mich geprägt, mitunter auch verändert haben.
Wir beseelen die Gegenstände
Elke Brüns hat das Buch “Dinge” geschrieben: “Warum wir sie brauchen und warum wir uns von ihnen trennen müssen”. Darin erklärt sie, dass wir die Gegenstände, die uns umgeben “beseelen”. Brüns erklärt, wie uns Dinge auch Halt geben und Identität stiften.
“Gerade in Zeiten des Wandels und der inneren Unsicherheit bieten uns vertraute Gegenstände eine greifbare Verbindung zu unserer Geschichte”, erklärt sie kürzlich in einem Interview mit “Psychologie heute”.
Ich merke dies bei meinen Notizbüchern, die ich seit vielen Jahren täglich führe. Darin protokolliere ich Sitzungen, entwickle Projekte, notiere meine Ideen. Mittlerweile füllen diese Bücher ein ganzes Regal. Doch jetzt entscheide ich mich, sie zu entsorgen.
“Loslassen bedeutet immer auch, etwas zurückzulassen, was einmal wichtig war”, so Brüns. Die Notizbücher der letzten 10 Jahre werde ich nicht mehr durchlesen. Sie hatten eine wichtige Bedeutung im jeweiligen Jahr. Doch jetzt fokussiere ich mich auf 2026. Also weg damit.
Ich spüre Konsumscham
Beim Einzug in den Gutshof habe ich von unserem Schreiner meinen Büroschrank und den Schreibtisch bauen lassen. Bewußt aus massivem Kirschbaumholz. Ich wollte keine Möbel aus Pressspahn, die beim nächsten Umzug auseinanderfliegen.
Ich liebe die Haptik, fahre gerne über das rotbraune Holz. Nachhaltigkeit ist mir wichtig. Doch beim Ausmisten kämpfe ich genau mit diesem Problem. Wenn ich etwas wegwerfe, entwerte ich gleichzeitig auch die Dinge, die mir einst wichtig waren.
Ich fühle mitunter auch Scham, wenn ich zum Beispiel ein kleines Ansteckmikrophon entdecke, das ich gar nicht genutzt habe, weil die Leitung zu kurz und das Handling unpraktisch war.
Aber es gibt auch Dinge, die ich als Geschenk von Freunden bekommen habe. Manche habe ich genutzt – andere dagegen blieben in der Schublade liegen.
Schuldgefühle beim Wegwerfen
Bei diesem Ausräumen und Bewerten habe ich immer wieder das Gefühl: Das ist zu schade, das würde ich gerne “retten”, in dem ich es verschenke oder zum Kauf anbiete.
An dieser Stelle kommt das schwedische Wort “döstädning” wieder ins Spiel: Die Kombination aus “sterben” und “aufräumen”. Wenn ich etwas loslasse, nehme ich auch Abschied. Ich denke an meine Eltern, die am Ende des Lebens alles, was ihnen lieb und wertvoll war, loslassen mussten.
Als mein Bruder und ich durch die verlassene Wohnung unseres Elternhauses gingen, kamen sehr viele Erinnerungen hoch. Gleichzeitig war uns bewußt: Wir können das unmöglich behalten. Nur einige wenige Erinnerungsstücke habe ich aufbewahrt und halte sie in Ehren.
Den Tod hinausschieben
Ich lese bei Elke Brüns: “Aktives Wegwerfen kann bedeuten: Ich lebe, ich entscheide, ich schiebe den Tod ein Stück hinaus.” Sie ergänzt: “Man selbst erfährt sich dabei als aktiv und lebendig.”
Bingo. Dieses positive Gefühl habe ich in den letzten zwei Wochen mehrfach gespürt. Ein tiefes Glück, unnötigen Ballast abzuwerfen. Doch gleichzeitig meldete sich immer wieder auch die Sorge: Werde ich diesen Gegenstand nicht schon bald vermissen?
Wegwerfen bedeutet nach meiner Beobachtung: Freiheit und Risiko. Ja, es kann durchaus sein, dass ich diese Trennung von einem Gegenstand schon bald bereue. Wichtig scheint mir die Gesamtbilanz: Weniger Dinge, weniger Ballast, mehr Klarheit und Ordnung.
Was wir besitzen, bindet uns auch. In diesem Sinne freue ich mich über die neu gewonnene Leichtigkeit in meinem Büro.