Gab es einen Lehrer, der Ihr Talent gesehen und Sie gefördert hat? Vielleicht einen Deutschlehrer, der zum Schreiben motiviert hat? Oder einen Mentor, der Ihre Fähigkeiten früh erkannt hat?

Mein erster Mentor
Mein erster Mentor war Dr. Walter Deutschmann. Als Schulleiter wurde er von vielen Schülern in meinem Heimatort bei Freiburg gefürchtet. Im Unterricht zitierte er häufig Christoph Lichtenberg. Das erschien uns Sechstklässler ziemlich abgehoben.
Doch in dieser Zeit lebte ich als Teenager im Brachland. Ein Begriff, den ich bei meinem Schriftstellerkollegen Sasa Stanisic entdeckt habe. Brache als ungenütztes und unbebautes Lebensland. Meine Mutter war gestorben, zwei Schulwechsel, die zweite Hochzeit meines Vaters. Ich war emotional verloren, auf der Suche nach meiner Identität.
Dr. Deutschmann erkannte mein Dilemma, förderte mein Talent. Während ich mit einigen Schulkameraden die erste Schülerzeitung gründete, wurde er zu meinem ersten Mentor.
Damals ahnte noch niemand in unserer kleinen Redaktion, dass sein Sohn später ein bundesweit bekannten Kabarettisten werden würde. Das entwickelte sich erst, als wir bereits Studenten waren.
Talente erkennen und benennen
Ich glaube, dass viele Selbständige und Führungskräfte in Laufe ihres Lebens mindestens einen Mentor, einen Förderer gehabt haben, der an sie geglaubt hat. Der ein Talent erkannt und benannt hat, so dass es wachsen und reifen konnte.
So wie Herbert Birkle, Redaktionsleiter des Verlagsdienstes „Rund um Freiburg“, der meine Begabung bereits als Schüler gefördert hat. 10 Jahre hat er mich während Schule und Studium als freien Mitarbeiter ermutigt und geprägt. Er hat mir viel zugetraut und mein Talent bestärkt. In manchen Wochen hatte ich als Oberstufenschüler fünf Artikel in der Zeitung. Zudem ausführliche Bildreportagen, die ich nachts in meinem eigenen Fotolabor entwickelt habe.
Ohne ihn hätte ich nach meinen Studium vermutlich nicht den Beruf des Journalisten gewählt und mich für ein Volontariat beworben. Dass ich seit 40 Jahren schreibe und Geschichten erzähle verdanke ich seinem Mut. Er hat an mich geglaubt, mich herausgefordert, neues Land erschlossen und meine Identität gestärkt.
Doch es gab in diesen Jahren auch eine innere lähmende Sprachlosigkeit. Ich war unfähig, meine tief vergrabenen Gefühle von Trauer und Schmerz zuzugeben und sie zu artikulieren.
Ein Intendant, der Türen öffnet
Erst Jahre später habe ich gemerkt, dass dieses freie, kreative Erzählen auch eine starke therapeutische Wirkung in meinem Leben gehabt hat. Es wurde zu ein Ventil, um meine tief vergrabene Trauer zuzulassen, den Druck und auch die innere Wut in Worte zu fassen.
Heute weiß ich, wie wichtig Menschen sind, die durch Kultur und Kunst Kindern und Jugendlichen einen Raum geben, um an die unsichtbaren Gefühle heranzukommen.
Damit komme ich zu meinem dritten Förderer: Manfred Beilharz. Er war in meiner Jugendzeit Intendant des Freiburger Stadttheaters. In einem kurzen Brief von unserer Schülerzeitung fragte ich ihn konkret, ob wir als junge Reporter über Theaterpremieren berichten könnten.
Beilharz schrieb prompt zurück, dass wir als Schülerzeitung herzlich zu jeder Premiere eingeladen seien. Er würde die Kasse anweisen, für uns jeweils zwei Freikarten bereit zu stellen.
In den folgenden Jahren war ich mit Mitschülern bei sehr vielen Aufführungen. Von Schauspiel, Tanztheater bis Oper habe ich ein großes Repertoire kennengelernt und darüber in unserer Schülerzeitung berichtet.
Kulturelle Teilhabe mit Langzeitfolgen
Ich musste mich mit den Meistersingern von Nürnberg und Maria Stuart auseinander setzen, die Klassiker studieren und mir eine eigene Meinung zu den jeweiligen Inszenierungen bilden. Das hat meine kulturellen Geschmacksnerven trainiert, das Unterscheidungsvermögen gebildet. Gleichzeitig hat sich von Monat zu Monat auch mein Horizont erweitert.
Im Theater bekam ich auch Zugang zu meinen verdrängten Gefühlen. Politiker sprechen mitunter von „kultureller Teilhabe“. Ich glaube, dass Kunst und Kultur ein wichtiger Zugang für Menschen aller Altersgruppen sind.
Sie sind ein wichtiger Ort, an denen Geschichten einen Platz haben, zu sprechen und Gehör zu finden. Sie helfen auch die eigene Sprachlosigkeit zu überwinden. Den häufig bedeutet sie auch, nicht gesehen und übergangen zu werden.
Ich bin überzeugt: Jeder Mensch, der seine eigene Biografie reflektiert und Worte findet, sein eigenes Erleben auszudrücken, hat etwas zu sagen. Gleichzeitig braucht es Räume der Begegnung, in dem jeder auch seine Geschichten erzählen kann, damit gesellschaftlicher Dialog entstehen kann.
Vielleicht regt Sie mein heutiger Blogbeitrag an, über Ihre eigenen Förderer und Mentoren nachzudenken. Denen, die noch leben, einen Brief zu schicken und persönlich zu danken. Für mich selbst ist es gleichzeitig auch die Anregung, die jungen Menschen wahrzunehmen, die vielleicht gerade jetzt auch einen Mentor brauchen und ihnen eine Tür zu öffnen.