Kurzfristig absagen oder einfach nicht kommen. Unverbindlichkeit nimmt zu. Nicht nur im Privaten sondern auch im beruflichen Kontext. Ein Phänomen nicht nur bei Gen Z, sondern auch bei älteren Menschen.

Wieviel Unverbindlichkeit muten wir einander zu?
2026 ist das Jahr der Jubiläen. Meine Frau und ich feiern unsere Silberhochzeit, zudem werde ich 65. Statt einer großen Party feiern wir in kleinen Formaten und sprechen über Verbindlichkeit.
Am Samstag habe ich enge Freunde zu einem Treffen im Juni eingeladen. Heute ist Mittwoch – bislang von niemand eine Reaktion. Zero. Ich warte vier Tage, dann frage ich nach, ob meine Nachricht überhaupt ankommen ist. Ja, sicher – aber wir haben noch kein Entscheidung getroffen. OK, damit kann ich leben.
Eigentlich hat Verbindlichkeit eine hohe Priorität bei den Babyboomern. Doch sie tritt immer wieder in Konflikt mit der Freiheit. Ich will mich nicht festlegen, mich kurzfristig entscheiden.
Lass uns doch gelegentlich mal…
Eine Freundin von mir kombiniert dies mit Charme: “Ich habe Lust mich mit dir zu treffen, lass uns doch gelegentlich mal was ausmachen.” Positive Worte umhüllen elegant die Kernbotschaft der Unverbindlichkeit. Schneller als gedacht ziehen die Monate vorbei und wir schaffen es auch nach einem Jahr nicht, uns persönlich zu sehen.
Der Psychologie-Professor Philipp Ozimek bringt in der Februar-Ausgabe von “Psychologie Heute” das Dilemma treffend auf den Punkt: “So viele Menschen sehnen sich danach, etwas in Ruhe und mit Muse zu tun, ein tiefgehendes Gespräch mit einem nahen Menschen zu führen. Die Unverbindlichkeit bewirkt jedoch Unrast.”
Ozimek erklärt, dass durch die fehlende Verbindlichkeit “diese vollkommene und bedingungslose Zuwendung seltener geworden ist.” Seine Empfehlung heißt Fokussierung. Wenn ich mich bei einer Einladung festlege, lasse ich anderes sein und fokussiere mich auf diesen Menschen.
“Dieser Fokus ist es, der dafür sorgt, das wir das Gefühl haben anzukommen”, so der Psychologe. Ich kann dies aus meiner eigenen Beobachtung im Freundeskreis nur bestätigen. Auch bei meiner langjährigen Freundin erlebe ich dieses gegenseitige Glücksgefühl, wenn es dann nach einem Jahr mal wieder geklappt hat, dass wir uns sehen. “Das sollten wir öfters machen”, sagt sie dann und ich nicke grinsend. “Von mir aus gerne.”
Wegklicken geht ziemlich schnell
Für zwei Wochen war ich mit meiner Frau in Klausur, um neue Seminarideen und Coaching-Angebote zu entwickeln. Wir hatten eine sehr kreative und inspirierende Zeit.
Dabei haben wir auch über Marketing im digitalen Zeitalter gesprochen. Wie verändert künstliche Intelligenz das Suchverhalten? Wegklicken geht ziemlich schnell. Das gilt nicht nur für Seminargebote, sondern auch für private Chats bei WhatsApp.
Die Gefahr der Unzuverlässigkeit wächst im Digitalen. Schnell überlese auch ich eine Nachricht oder suche sie später mühsam. Hat mir X eine Mail geschrieben oder über Signal nachgefragt?
Manchmal bin ich auch noch in den sozialen Netzwerken auf der Suche, um eine bestimmte Nachricht zu finden, die mein Unterbewusstsein beim Scrollen kurz wahrgenommen hat. Mir ist es wichtig, zu antworten, deshalb mache ich mir die Mühe.
Gibt es einen neuen Trend zur Verbindlichkeit?
“Die globalen Krisen und Kriege befördern das Bedürfnis nach Sicherheit”, schreibt Psychologie Heute in diesem Monat: “Verbindlichkeit dürfte schon deshalb wieder wichtig werden.”
Ich möchte hinzufügen: Wer Freundschaften aktiv leben will, muss verbindlich agieren. Aus diesem Grund tauschen sich meine Frau und ich regelmäßig über unseren Freundeskreis aus. Mit welchen Freunden wollen wir in diesem Jahr, im nächsten Monat aktiv Treffen planen?
Uns beiden ist bewusst, dass enge Freundschaften nur begrenzt digital gepflegt werden können. Es braucht den unmittelbaren Kontakt, die Begegnung im selben Raum, um Sicherheit zu spüren, den anderen mit allen nonverbalen Signalen wahrzunehmen.
Gleichzeitig fokussieren wir uns auf kleine Formate: Also nicht die großen Feierrunden, in denen man für jeden Gast nur wenige Minuten Zeit hat. Stattdessen lieber einen Abend zu Viert oder einen gemeinsamen Ausflug. In diesen Settings ist die Verbindlich meist sehr hoch. Wer einmal zusagt, kommt in der Regel auch verbindlich, weil ihm die Beziehung am Herzen liegt.
Wie ist Ihre Erfahrung mit Verbindlichkeit?
Nun bin ich gespannt auf Ihre Erfahrungen? Schreiben Sie einen kurzen Kommentar. Ich freue mich auf Ihre Nachricht.