Im Januar bin ich durch einen glücklichen Zufall auf Elisabeth Strout gestoßen. Sie wurde mit dem höchsten Autorenpreis: dem Pulitzer-Award ausgezeichnet. Falls Sie noch kein Buch von ihr gelesen haben, empfehle ich Ihnen “Mit Blick aufs Meer” anzufangen. Das Buch schärft auf wundervolle Art die Lebenssinne und beantwortet auch die Frage: Was im Leben wirklich zählt.

Screenshot: Warner Home Video

Verbindung hält das Leben zusammen

Olive Kitteridge – so heißt die Romanfigur – ist eine Antiheldin. Das Gegenteil aller Klischees: Unangepasst, eckig. Eine Frau, die schnell auf den Punkt kommt. Auch unangenehme Dinge anspricht – egal ob es gerade passt oder nicht.

Vor einigen Jahren wurde “Mit Blick aufs Meer” als Mini-Serie mit Frances McDormand verfilmt. Die Schauspielerin verkörpert auf herrliche Art diese unangepasste Figur, die sich Elisabeth Strout in ihren Büchern ausgedacht hat.

So gelungen die Filme auch sind: Ich empfehle Ihnen mit dem Buch zu starten. Elizabeth Strouts Buch ist kein Roman im klassischen Sinne. Es ist ein Zyklus aus dreizehn miteinander verwobenen Geschichten, die einzeln lesbar sind, aber gemeinsam unterschiedliche Lebenszyklen zeigen und zunehmend an Tiefe gewinnen.

Die kleinen Momente tragen uns

Genau darin liegt der erste Kunstgriff Strouts: Sie macht eine Frau zur Hauptfigur, die man nicht mögen muss, um von ihr zu lernen. Der eigentliche Kern des Buches ist die Frage, wie wir unsere Einsamkeit, aber auch Liebe und Verluste ertragen, aus denen ein Leben besteht.

Was im Leben wirklich zählt, lässt sich bei Olive Kitteridge sehr gut beobachten: Als ihr Mann Henry stirbt, findet sie sich “außerhalb des Lebens” wieder. Diese Formulierung kehrt im Buch wieder und verweist darauf, wie bedeutsam echte Freundschaften sind, um das eigene Leben lebbar zu machen. Kein Erfolg, keine Leistung, kein Besitz kann tiefe Beziehungen ersetzen.

Olive hat eine eigene Lebensphilosophie entwickelt, die Strout selbst als eine ihrer liebsten Formulierungen beschreibt: Das Leben besteht aus großen Ankerpunkten wie Ehe oder Kindern, aber auch aus kleinen Ankern, etwa ein freundlicher Kassierer oder die Kellnerin, die weiß, wie man seinen Kaffee mag. “Beides zusammen hält einen über Wasser”, so Strout.

Das Gewöhnliche als eigentlicher Stoff des Lebens

Das Buch untersucht die entscheidenden Wegpunkte eines Lebens und fragt, was Menschen glücklich macht – und was sie gütig oder hartherzig werden lässt. Elisabeth Strout interessiert sich nicht für das Außerordentliche, sondern für das Alltägliche, was in kleinen Küchen und auf langen Spazierwegen sichtbar wird.

Ehrlichkeit statt Schönfärberei

Strout schreibt auf ihrer Website, dass sie sich für das Trübe der menschlichen Erfahrung interessiert und für die beständigen Unvollkommenheiten unseres Lebens. Olive verkörpert das. Sie lügt sich nichts vor – sich selbst gegenüber am wenigsten.

Durch Olive ermöglicht Strout einen umfassenden Blick darauf, wie Menschen einander verstehen – oder eben nicht verstehen. Das ist zugleich ein stiller Aufruf, die eigene Empathie zu überprüfen: gerade gegenüber denen, die wir nicht mögen.

Mittlerweile gibt es eine Trilogie rund um Olive Kitteridge. Der 3. Band ist vor wenigen Tagen erschienen und ich bin sehr gespannt, welche kostbaren Lebens-Erkenntnisse Strout im neuen Band präsentiert.