Woran halte ich mich fest, wenn sich die Welt zu schnell dreht? Manchmal helfen mir kleine Rituale, um gegen die zentrifugalen Kräfte anzukommen. Doch häufig ist es auch ein Zitat oder eine Buchpassage, die mich wieder in die Mitte zurückholen und mir einen neuen Fokus schenken.

KI, Krieg und Krisen
Unsere Erde dreht sich mit über 1.000 Stundenkilometern. Gott sei Dank merke ich das nicht. Doch an manchen Tagen spüre ich die absurde Geschwindigkeit. Vor allem dann wenn die drei K´s in meinem Bewusstsein sind: KI, Krieg und Krisen.
Doch auch in meiner kleinen Welt wird es mir manchmal schwindelig: Kürzlich war so ein Tag. In kurzer Zeit zuviel Katastrophen-Meldungen: Eine Sozial-Versicherungsprüfung, die auch die aktuelle Rechtssprechung auf den Kopf stellt. Mein geliebtes Cabrio, das unerwartet durch den TÜV fällt. Ein Lieferant, der sein Produkt mit 300 Prozent Aufschlag anbietet.
In solchen Momenten frage ich mich: Ist denn die ganze Welt verrückt geworden? Von Trumps neuen Zoll-Androhungen und der Blockade in der Straße von Hormus gar nicht zu sprechen.
Apropos Hormus: Es klingt schräg, ist aber wahr: Auf unserer Weltreise mit dem Schiff haben meine Frau und ich eine Nacht draußen auf dem Deck geschlafen. Eine Nacht in der Straße von Hormus. Daran muss ich jetzt immer denken, wenn ich an der Zapfsäule stehe.
Kleine Rituale geben Halt
Um Morgens nach dem Aufstehen nicht gleich in die Zentrifuge zu geraten, habe ich einige Rituale integriert: Zwischen 6 und 7 starte ich meinen Tag auf der Yogamatte. Ich beobachte den Sonnenaufgang und die Vögel auf der Terrasse, während ich die Muskeln dehne.
Nach dem Frühstück unterhalte ich mich ausgiebig mit meiner Frau. Dann bündeln wir unsere Gedanken in einem Morgengebet. Wir sitzen gemeinsam in der Küche an einem alten Büffet, zünden eine Kerze an und werden still. Dieses kurze Innehalten bevor die Arbeit beginnt, gibt uns Halt.
„Es ist nicht vorhersehbar, woran sich die Liebe klammert“, schreibt der Berliner Schriftsteller Christian Dittloff. Ich frage mich: Woran halte ich mich fest, wenn mich die globale Zentrifuge an den Rand drängt?
Das Leben verläuft in Schlangenlinien
In ihrem Roman „Überwintern“ schreibt Katherine May: „Das Leben verläuft in Schlangenlinien wie ein Trampelpfad durch den Wald. Wir alle haben Zeiten, in denen wir blühen, und Zeiten, in denen wir unsere nackten Knochen preisgeben, nachdem wir das Laub abgeworfen haben.“
Diesen Satz habe ich Gelb markiert. Er beschreibt sehr gut das Leben einiger Freunde, aber auch mein eigenes. Nach dem Wasserschaden im Gutshof saß ich monatelang „mit nackten Knochen“ da. Ich spürte meine Verlorenheit, das fehlende Zuhause.
Es ist ein gravierender Unterschied, ob ich mich freiwillig zum Loslassen entscheide, oder ob ich dazu gezwungen werde. Jeder, der einen geliebten Menschen verloren hat, kann das bestätigen. Diese schmerzhafte Lücke, die Ohnmacht, die gedrückte Pausentaste. Die innere Verlorenheit.
Ein Ich-bin-traurig-und brauche-Schutz-Essen
Christian Dittloff, Jahrgang 1983 schreibt von seinem „Wohlfühlfood, das ihm in solchen Phasen hilft: „Mein Ich-bin-traurig-und brauche-Schutz-Essen“. Er kocht dann Möhren, so wie seine Mutter sie gemacht hat.
Meine Freundin, die ihren Mann mit 65 Jahren verloren hat, lädt gerne Gäste ein. Ihr Wohlfühlfood sind frische Salate und leckere Desserts. Ich denke an Siegmund Freund. Er hat Melancholie als krankhaftes Festhalten beschrieben und Trauerarbeit als Loslassen.
Und doch möchten viele die alte vertraute Welt festhalten, weil ihnen die neue Welt der drei K´s täglich Angst macht.
Ich lebe gerade zum ersten Mal
Von Nina Chuba gibt es einen Song, der das aktuelle Lebensgefühl gut beschreibt: „Ich bin noch nicht so gut drin, ich leb grade zum ersten Mal.“ Vieles, was wir erleben, war für die Mehrzahl neu: Corona und der Lockdown waren nur der Anfang. Ein US-Präsident, der die westliche Ordnung aufhebt, ein weiterer Meilenstein.
Doch in aller Transformation spüre ich die Nähe meiner Freunde. Ein enger Freund ist kürzlich von einer zehnwöchigen Reise aus Neuseeland zurück gekommen. Sein Glück: Er hatte den Rückflug über Asien gebucht und kam ohne Komplikationen pünktlich in seinen beruflichen Alltag zurück.
Bei der amerikanischen Autorin Rebecca Solnit finde ich einen schönen Satz: „Lass die Tür offen für das Unbekannte, die Tür in die Dunkelheit. Dort kommen die wichtigsten Dinge her, dort bist du selbst hergekommen und dort wirst du auch wieder hingehen.“ Ein Zitat aus ihrem Buch Die Kunst, sich zu verlieren.
Solnit ermutigt, das Neue, das wir zum ersten Mal erleben, nicht auszugrenzen. Ich bewundere diese Haltung, obwohl mir bewusst ist, dass eine offene Tür keinen Schutz bietet. Doch sie passt sehr gut zum aktuellen Leben in einer volatilen Welt.