Reicht die Suche nach Sinn und Glück aus, um auf Dauer erfüllt zu sein? Der Psychologe Shigerhiro Oishi empfiehlt einen dritten Weg: Dieser umfasst auch Krisen und Brüche im Leben.

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Das bessere Glück

In der Juni-Ausgabe von “Psychologie heute” gibt es einen spannenden Artikel über “Das bessere Glück”. Die Autorin empfiehlt, den eigenen Blick zu weiten und von einer starren Fokussierung auf Glück und Sinn abzuweichen.

An der Universität von Chicago hat Shigerhiro Oishi zu diesem Thema lange geforscht und einen dritten Weg geöffnet. Er nennt es das psychologisch reiche Leben. Dahinter verbirgt sich ein Leben, das von schmerzhaften und intensiven Erfahrungen geprägt ist.

Shigerhiro Oishi hat mit seinem Team 1.000 Studierende befragt. Sie sollten selbst einschätzen, wie glücklich, sinnvoll und reich ihr Leben ist. Anschließend wurden Nachrufe in verschiedenen Zeiten ausgewertet.

Die Nachrufe beschrieben emotionale Tiefpunkte, ungewöhnliche Erfahrungen und neue Denkweisen. Die Forscher fanden heraus: Häufig waren es keine leichten Lebenswege. Doch die Menschen berichteten von einem inneren Reichtum, der sich inmitten der Krisen entwickelte.

Wie Krisen das Leben bereichern

Ich finde diese Beobachtungen sehr spannend, weil sie sich mit meinem eigenen Erleben decken. Seit meiner Kindheit haben mich etliche Todesfälle in der engsten Familie immer wieder in Krisen geführt. Im Rückblick waren dies nicht nur schmerzhafte Erlebnisse, sondern auch wertvolle Erfahrungen, die mich zutiefst geprägt habe.

Meine Freundin Brigitte, eine erfahrene Verlegerin aus Norddeutschland hat dies am eigenen Leib erfahren. Eine Krebsdiagnose hat auch ihr Leben auf den Kopf gestellt. Ihr Credo: “Nur beladene Schiffe haben Tiefgang.”

Ich glaube, dass Krisen, Verluste und Lebensbrüche elementar wichtig sind, um Tiefgang zu gewinnen. Doch als psychologischen Reichtum habe ich sie bislang nicht an gesehen.

Wie Psychologie Heute berichtet, gaben viele Befragte an “ein herausforderndes, freies und unstetes Leben vorzuziehen”. Ein gutes Leben müsse nicht zwingend einfach sein, so die Untersuchung.

Dem Leben mehr Tiefe geben

Von der Professorin Lorraine Besser gibt es ein 7-Punkte-Programm, um dem Leben mehr Tiefe zu geben. Sie empfiehlt, das Leben mit kindlicher Neugier anzugehen und auch in schweren Phasen neue Erkenntnisse zu sammeln.

Ihr zweiter Tipp: “Tun Sie etwas, das keinen Nutzen oder Zweck hat – aus purer Freude.” Besser rät, regelmäßige Pausen vom leistungsorientierten Leben einzulegen, um aus dem Hamsterrad auszusteigen.

Der dritte Weg: Kreativität zulassen. Das heißt, möglichst oft die eigenen Routinen verlassen und Neues miteinander zu verbinden.

Tipp 4: “Psychologischer Reichtum entsteht an den Rändern des Vertrauten”, so Lorraine Besser. Sie ermutigt, einen Tagesausflug in eine unbekannte Stadt zu machen oder eine neue Sportart auszuprobieren.

Unerwartete Hürden, die unsere Pläne durchkreuzen

Schwierig finde ich die 5. Empfehlung: Unerwartete Hürden, die unsere Pläne durchkreuzen. Hier sollten wir die gleiche Lust einsetzen, mit der wir an Kreuzworträtsel oder Puzzle gehen.

Tipp 6: Stellvertretende Erfahrungen sammeln. Statt einem Auslandssemester oder einer Fernreise einen Roman lesen, der uns neue Sichtweisen vermittelt. Mit neuer Experimentierfreunde Museen besuchen, Hörspiele nutzen. Neue Fantasie- und Gedankenräume besuchen.

Ihr letzter Tipp: Balance finden. Den Horizont im Dialog mit Freunden weiten. Neue Sichtweisen entdecken.

Wie ein unerwartetes Bad im Champagner

Kürzlich hat mich ein neu gewonnener Freund zum ersten Mal zu seinem Geburtstag eingeladen. Fast vier Stunden habe ich mit ihm, seiner Frau und den beiden erwachsenen Kindern diskutiert. Sehr spannend war auch der Dialog mit dem Freund seiner Tochter, der als Manager im Musikbusiness arbeiten.

Wir haben über den Abstieg der FDP und den Aufstieg der Blauen diskutiert. Über den Podcast “Hotel Matze” und die Pandemie. In vielen Punkten waren wir ganz unterschiedlicher Meinung. Aber wir hatten ein sehr tief gehendes und persönliches Gespräch, das mich wie ein Bad in Champagner auf vielen Ebenen inspiriert und belebt hat.

Ich glaube dieser offene Dialog über unterschiedliche Standpunkte wird in der Zukunft noch wichtiger werden. Aber auch die Fähigkeit, eigene Schwächen und Krisen offen zu bekennen.

Ein psychologisch reiches Leben – so meine Erkenntnis – gelingt dann, wenn ich mein Scheitern und meine Tiefpunkte nicht leugne, sondern als kostbaren Schatz in meine Biografie integriere.