Nun ist es also soweit: Tilly Norwood hat ihren ersten Auftritt in Großbritannien. Sie nennt sich die erste KI Schauspielerin der Welt. Sorgt mit einem Musikvideo für Schlagzeilen, macht Comedy und will schon bald ihren ersten Spielfilm drehen.

Bekommt Helene Fischer Konkurrenz?
In ihrem Musikvideo tanz Tilly über den Dächern von London, sie flirtet mit der Kamera, trägt ihre Sommersprossen stolz zur Schau. Auf den ersten Blick sieht das ziemlich echt aus. Doch Tilly Norwood ist nicht aus Fleisch und Blut, sondern eine KI-Schauspielerin.
Ihre Erfinderin heißt Eline van der Velden, ist 40 Jahre alt, hat holländische Wurzeln und wie es scheint einen ausgeprägten Geschäftssinn. Seit einigen Tagen lässt sie Tilly weltweit bei Interviews auftreten. Auch „Die Zeit“ widmet ihr diese Woche eine ganze Seite. Tenor: „Sie wird uns nicht alle umbringen“.
Das klingt irgendwie beruhigend. Haben doch hunderttausende Menschen Angst, ihren Job durch KI zu verlieren. Nun erreicht die Angst auch die Kreativ-Branche und ich frage mich: Bekommt Helene Fischer schon bald KI-Konkurrenz?
Eine realistisch aussehende Disney Figur
Ihre Schöpferin Eline van der Velden liebt die weltweite PR, die sie gerade gratis in den Medien bekommt. Natürlich besänftigt sie auch im Zeit-Interview: „Tilly ist im Grunde eine sehr realistisch aussehende Disney-Figur.“ Die Schublade „Animation“ wirkt auf den ersten Blick vertraut.
Doch Tilly, die künstliche Actress hat eine wirtschaftliche Mission: Sie soll in KI-Spielfilmen auftreten, die aus Budget Gründen sonst nicht gedreht werden können, weil das Thema zu nischig ist.
Ki Produktionen – so das Credo sind einfach schneller und billiger. Damit ist die ethische Diskussion bereits beendet. Doch ist sie das wirklich?
Missbrauch durch Deep Fake
Im März hat der „Spiegel“ seine Recherche zu digitaler Gewalt veröffentlicht. Die Schauspielerin Collien Fernandes warf ihrem Ex-Mann vor, Identitätsdiebstahl begangen zu haben. Sie behaupte, er habe von Fake-Profilen pornografische Bilder verschickt, die ihr sehr ähnlich sehen.
Mit KI ist „Deep Fake“ leicht zu produzieren: Das menschliche Gesicht lässt sich mit einem virtuellen Körpern so verschmelzen, dass es authentisch wirkt. Doch für Millionen von Menschen wird es zum Problem, reale Menschen von künstlichen Puppen zu unterscheiden.
Was ist noch echt, was ist Fake? Von daher ist sicher auch eine ethische Diskussion über die erste KI-Schauspielerin Tilly Norwood angebracht. Was technisch möglich ist, zeigen die ersten Filmbeispiele. Doch ist es ethisch auch vertretbar?

Wo sind die Grenzen?
Die Erfinderin Eline van der Velde sagt „Ja“. Verständlich, schließlich hat sie mit der künstlichen Figur ihr eigenes Business aufgebaut, in dem bereits 40 Mitarbeiter beschäftigt werden.
„Tilly ist kein eigenes Sprachmodell, sondern eher eine Puppe“, sagt sie, „die auf einem Sprachmodell draufsitzt.“ Sie erinnert an Animationsfilme wie „Findet Nemo“.
Doch so einfach ist das nicht. Für mich verschiebt Tilly die Grenzen, nicht nur des technisch Möglichen, sondern des ethisch vertretbaren Kreativraums.
Natürlich habe Künstler über Jahrhunderte Grenzen ausgetestet und auch überschritten. Doch wie weit wollen wir im Zeitalter der KI noch gehen?
Ein Disclaimer erklärt am Anfang von Tillys Musikvideo: „Die Produktion wurde von 18 echten Menschen gemacht. Es wurden keine Flamingos geschädigt.“
Vermutlich wird es schon bald noch mehr KI-Schauspieler geben. Ich glaube, es braucht in der Kunst und Medienwelt offene Diskussionen, wie weit man gehen will. Auch eine Definition von selbst gesetzten Grenzen.