Ich freue mich jedes Mal, wenn Kunden meine Bücher bestellen. Was mich irritiert sind Kunden, die neben einer örtlichen Buchhandlung wohnen und doch bei einem Online-Händler ihre Bücher einkaufen. Deshalb heute mein Plädoyer für regionale Kultur.

Fotos: Rainer Wälde

Fastfood-Ketten im Township

Meine Geschichte beginnt als Filmemacher in Südafrika: Ich war in Khayelitsha, einem der großen Townships von Kapstadt, um einen Film über AIDS Patienten zu drehen. Die Armut und das Elend, das die Menschen dort täglich durchleben, lässt sich schwer in Worte fassen.

Umso überraschter waren meine Frau und ich, dass es in diesem Quartier aus Wellblech-Baracken einige Fastfood-Restaurants gab. Statt lokaler Geschäfte dominierten die amerikanischen Ketten. Wir fragten uns beide, warum agieren hier nicht kleine lokale Anbieter und bieten regionales Essen an?

Szenenwechsel: Die Hafenstadt Accra in Ghana. Auch dort war ich, um einen Film zu drehen. Es ging um Microkredite und Menschen, die sich mit wenig Geld und einem kleinen Business selbständig machen.

Meine Frau hat etliche Jahre im Stiftungsrat von Opportunity International mitgearbeitet. OID hilft Tausenden von Menschen, mit einem kleinen Kredit der Armut zu entkommen. In Ghana konnten wir mit eigenen Augen sehen, wie sich acht Kreditnehmer zu einer Gruppe zusammenschließen und sich gemeinsam helfen, dass ihr lokales Geschäft wächst.

Ein Schuster im Armutsviertel von Accra

Ich habe den 28jährigen Josef getroffen. Er lebt mit seiner Familie in Korlégomo, einem der Armutsviertel von Accra. Direkt nach seiner Ausbildung zum Schuster hat er sich selbständig gemacht. Mit einem ersten Kredit in Höhe von 75 Euro konnte er sich das erste Material kaufen, um überhaupt starten zu können.

Italienisches Leder, Gummisohlen, etwas Kleber – damit war seine Selbständigkeit besiegelt. Das Geld hat er von Spendern aus Deutschland erhalten.

Kunden gibt es in seinem Viertel genug. 10 Paar Sandalen fertigt Josef am Tag, alles direkt auf Bestellung, die er für 7 Euro verkauft. Er macht auch handgenähte Maßschuhe für besondere Anlässe aus buntem Leder – dafür zahlen die Kunden 22 Euro.

Josef kann damit seine vierköpfige Familie ernähren. Nachdem er den ersten Kleinkredit und auch die Zinsen pünktlich bezahlt hat, erhielt er für seine Werkstatt einen zweiten: 125 Euro – dieses Mal je zur Hälfte aus Spendengeldern und EU-Mitteln. Jetzt hat seine Werkstatt ein Dach und eine kleine Vitrine. Und Josef hat einen Lehrling eingestellt: Den 15jährigen Jonathan, der ebenfalls als Schuhmacher eine Zukunftsperspektive gewinnt.

Was Bequemlichkeit kaputt macht

Ich erzähle diese Geschichte, weil sie ein Sinnbild ist für das, was wir mit unserer Bequemlichkeit gerade kaputt machen. Während im Township von Kapstadt amerikanische Konzerne den Ärmsten den letzten Dollar abringen, gibt es in ähnlich prekären Situationen auch funktionierende Konzepte, die wie in Ghana mit regionalen Akteuren eine lokale Wirtschaftsstruktur aufbauen.

In Deutschland hatten wir in den meisten kleinen Orten und Städten eine Buchhandlung, in der wir vor Ort schmökern und ein Buch kaufen konnten. Sofort – ohne ein paar Tage auf den Postboten zu warten.

Durch Corona und den wachsenden Online-Einkauf sind wir als Gesellschaft dabei dieses funktionierende System leichtsinnig zu zerstören. Es mag pathetisch klingen, aber jedes Buch, das wir online bei einem Konzern kaufen, entzieht den lokalen Händlern die Geschäftsgrundlage.

Wir entscheiden, wie vital unsere Städte sind

Das ist nicht neu, aber leider aus Bequemlichkeit vielen nicht im Bewusstsein. Ich merke dies als Autor und Verleger, wie in den letzten Jahren in meiner Region eine Buchhandlung nach der anderen aufgegeben hat.

Es gibt in den Mittelzentren noch einheimische Händler, doch wenn wir als Konsumenten unser Verhalten nicht ändern, wandern wir in einigen Jahren durch Geisterstädte.

An manchen Orten kann man das heute schon erleben. Kultur und Gastronomie sind bei diesem Wandel zwei wichtige Anker.

Regionale Strukturen fördern

Ich habe mich entschieden, meine eigene Bequemlichkeit regelmäßig zu hinterfragen und in die regionalen Strukturen zu unterstützen. Natürlich komme auch ich nicht gänzlich ohne Online-Handel aus.

Doch dazu braucht es ein Umdenken von vielen Menschen und verändertes Handeln.

Vor einigen Monaten war ich in Calw, der Heimat von Hermann Hesse. Die Stadt im Nordschwarzwald hat sich gewandelt, doch immer noch gibt es kleine Cafés, einladende Geschäfte und eine vitale Altstadt, durch die ich gerne flaniert bin.

Calw ist für mich ein Sinnbild: Kleine Familiengeschäfte statt großer Konzerne. Wir werden die Dominanz der amerikanischen Tech- und Handels-Giganten wie Amazon nicht mehr aufheben. Aber jeder von uns kann durch sein Kaufverhalten entscheiden, ob er lokale Strukturen fördert und damit die Lebensqualität in seiner Region stärkt.

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