Der Dienstag war auch für mich als langjährigen Fernsehmann eine starke Herausforderung. Als Leser meines Blogs möchte ich Ihnen heute einen Blick hinter die Kulissen geben. Auch als Vorbereitung, falls Sie selbst als Selbständiger oder Unternehmer in eine Live-Sendung eingeladen werden.

Alle Fotos: Thomas Bröker

Als Insider “behind the scenes”

Die wichtigste Erkenntnis gleich zu Beginn: Trotz monatelanger Vorplanung läuft es am Ende völlig anders als geplant! Um 12 Uhr verwandelt sich unser beschaulicher Gutshof in die verstopfte Kreuzung einer Großstadt. Durch die enge Zufahrt versuchen große LKWs und kleine Materialfahrzeuge zeitgleich ihren Platz zu finden.

Die Ankunft des Fernsehteams gleicht dem Einzug einer Zirkusdynastie in eine kleine Landgemeinde. Alles ist auf den Beinen, um dem Spektakel der Artisten zuzuschauen. Ich stehe am Fenster meines Büros und beobachte, wie gleichzeitig 100 Menschen auf engstem Raum werkeln. Innerhalb von zwei Stunden bauen Sie die Arena auf, in der das Event stattfinden wird.

Die Fernsehprofis setzen in Windeseile Übertragungswagen und Kameras auf, installieren ihre Satellitenschüsseln und ziehen Strippen. Dazu Beleuchtungstürme, die mit großen Wassertanks stabilisiert werden. Jeder Handgriff sitzt.

Nerven bewahren, wenn alles am Schwimmen ist

Schnell wird klar: Die Regie auf dem Gutshof hat eine andere Macht übernommen. In diesem Räderwerk des Fernsehens bestimmen Redaktion, Aufnahmeleitung und Regie, wann welcher Artist seinen Raum bekommt. Hier heißt es Nerven zu bewahren, auch wenn trotz genauer Zeitpläne alles scheinbar am Schwimmen ist.

Meinen Kunden empfehle ich im Vorfeld einer Fernsehproduktion immer, die eigene Agenda zu haben: Was ist meine Kernbotschaft? Was möchte ich unbedingt sagen? Mit welchen Beispielen und Geschichten illustriere ich meine Gedanken?

Natürlich haben auch meine Frau und ich diesen Rat selbst beherzigt und schriftlich unsere Kernaussagen vorbereitet. Wir haben in Rücksprache mit Moderator und Redaktion auch die Zeitfenster beachtet. Laut Planung hat jeder Block viereinhalb Minuten Sendezeit.

Blick in den Übertragungswagen

Während auf dem Platz die Party steigt

Doch Theorie und Praxis werden häufig von der Realität eingeholt. Während auf im Gutshof bereits die Party steigt und die Band 500 Besucher für die Livesendung einheizt, ist hinter den Kulissen noch Klärungsbedarf. Der Moderator muss vorab einen Einspieler mit der Drohne drehen, der dann in der Sendung gezeigt wird. Gleichzeitig sollte er mit meiner Frau und mir nochmals das Gespräch abstimmen.

Die Zeit drängt: Die vorbereiteten Inhalte passen nun doch nicht. Es gibt ein professionelles Tauziehen: Was ist für den Zuschauer interessant genug, wie gelingt es in neunzig Sekunden die komplexen Inhalte gut zu illustrieren? In Windeseile wird alles nochmals über den Haufen geworfen.

Für uns als Interviewpartner beginnt nun das Freischwimmen auf offener See. Eine Kundin der Akademie ist extra aus Kaiserslautern angereist. Für meine Frau und sie ist es die erste Live-Sendung, in der sie ohne vorherige Erfahrung ins kalte Wasser geworfen werden.

Eine chaotische Probe

Ab 18 Uhr läuft die Probe, die eher als “Working Progress” beschrieben werden kann. Jetzt werden die Gedanken und Ideen der Redaktion einmal ausprobiert und dann geschaut, ob es funktioniert.

Moderator Andreas Hieke mit Kameramann

Meine Frau sitzt noch in der Maske, sollte eigentlich schon auf der Position bereit sein. Eine Redakteurin springt für sie ein und spielt kurz mal Ilona. Bereits die Begrüßung der Zuschauer hakt, die Regie meckert, der Aufnahmeleiter interveniert. Der Moderator läuft zu weit, die Band spielt zu lang, für das Publikum vor Ort scheint gerade alles schief zu laufen.

Die Zeit sitzt im Nacken und ein Gefühl von Chaos und Unruhe macht sich breit. Es ist schwül, die Scheinwerfer heizen ein und ich schwitze, obwohl ich noch kein Wort gesagt habe, unter meinem schicken Sakko bereits das erste Hemd durch.

Aufziehende Gewitterwolken

Atmosphärisch braut sich in dieser Stunde etwas zusammen, das auch für den Profi nur schwer zu fassen ist. Die Probe bewirkt bei uns als Akteuren genau das Gegenteil dessen wofür sie eigentlich gedacht ist: Chaos statt Sicherheit und ein flaues Gefühl, wie die Live-Sendung wohl laufen wird?

15 Minuten vor der Live-Sendung sind wir endlich durch. Schnell in die Garderobe, ein frisches Hemd anziehen. Meine Frau und ich versuchen uns zu beruhigen, schicken ein Stoßgebet gen Himmel, es möge trotz innerer Unklarheit doch alles noch gelingen.

Noch 10 Minuten: Ich haste in die Maske. Die Visagistin hatte zuvor keine Zeit. Für ein langes Make-up ist keine Zeit. Im Stehen überzieht sie mein Gesicht mit einem “Anti-Glanz-Fluid”, beobachtet vom amüsierten Publikum.

Trailer ab: Jetzt sind wir live

Der Zeiger der barocken Uhr steht kurz vor halb acht, dann startet der Trailer: Jetzt gibt es kein Zurück. Wir sind bundesweit auf Sendung. Adrenalin durchflutet den Körper. Die Live-Sendung beginnt. Der Marktanteil wie es im Fernsehdeutsch heißt, ist überdurchschnittlich gut: 27,7 Prozent haben die Hessenschau eingeschaltet. Das sind 410.000 Zuschauer.

Foto: Thomas Bröker

Was bei der Probe so chaotisch erschien, gleitet nun scheinbar leichtfüßig dahin. Moderator Andreas Hieke führ souverän durch eine bunt aufgefädelte Perlenschnur von Einspielbeiträgen und Live-Interviews.

Währenddessen wechselt das Team der vier Kameras lautlos von einer Location auf dem Gutshof zu anderen: Der Aufnahmeleiter bringt mich zu meiner Position, noch eine Minute, dann bin ich dran.

Die rote Lunte der Biografie

Als Symbol für meinen Beitrag habe ich mir einen roten Wollfaden ausgewählt, der den Zuschauern die Biografie-Arbeit illustrieren soll. Zwei Fragen, zwei Antworten – dann wars das auch schon. Begeistert bin ich von der Souveränität meiner beiden Mitstreiter: Gerlind Hartwig berichtet sehr selbstbewußt von ihren Erfahrungen als Image-Coach.

In der Kapelle erklärt Ilona, wie sie die täglichen Gebetszeiten gestaltet und wer zu den spirituellen Auszeiten auf den Gutshof kommt. Sie nutzt die viereinhalb Minuten Sendezeit sehr souverän, um ihr Kernanliegen vorzutragen.

Interview in der Gutshof-Kapelle

Kurz vor acht Uhr atmen alle auf. Jetzt kommt das Wetter und dann die Tagesschau aus Hamburg. Schneller als ich schauen kann, sind die 500 Besucher vom Hof und das Team der Hessenschau baut binnen 60 Minuten ihr gesamtes Equipment wieder ab.

Am Tag danach ist von der Medien-Arena nichts mehr zu sehen. Jetzt beginnt die Nacharbeit: Pressemeldungen an die regionale und überregionale Presse, Social Media-Kanäle, Danksagungen und Telefonate.

Die Redaktion aus Frankfurt meldet sich: “In der Kritik der Kollegen wurde die Sendung auch sehr gelobt! Das hat richtig Lust auf ein Seminar dort gemacht.”

Falls Sie die Sendung in der Mediathek anschauen wollen – hier der Link.