Seit einiger Zeit versuche ich als Journalist die Methoden von Donald Trump zu entschlüsseln. Dabei bin ich zufällig auf Roy Cohn gestoßen. Er war Trumps Mentor und hat ihm die Regeln des Boulevard Journalismus beigebracht.

Die rote Krawatte als Signature Look
Einige Image-Consultants schmunzelten anfangs über seine lange roten Krawatte, verspottete sie als Potenzsignal. Doch das Lächeln ist verstummt. Trump ist ein Präsident, der die Weltordnung auf den Kopf stellt.
Im ersten Jahr seiner zweiten Amtszeit haben sich die USA von einem verlässlichen Partner in eine unberechenbare Nation verwandelt. Ein Führer ohne Skrupel, der scheinbar täglich eine absurde Forderung nach der anderen in den Raum stellt. Schlagzeilen im Akkord produziert. Da ist eine zu lange gebundene Krawatte das geringste Problem.
Hinter Trumps öffentlichem Auftritt steckt das Mentoring von Roy Cohn, der bereits 1986 verstorben ist. Cohn war ein berüchtigter Anwalt und Strippenzieher, der Trump in den 1970er Jahren unter seine Fittiche nahm.
Die Spielregeln des Boulevard-Journalismus
Nach meiner Beobachtung hat Trump über viele Jahre die Spielregeln der Boulevard-Journalismus verinnerlicht. Seine Strategie zielt klar darauf hin, möglichst oft die Schlagzeilen zu bestimmen.
Gerade zu Jahresbeginn hat er mit Grönland ein weltweites Medien-Thema gesetzt: Nicht nur in Europa hatte er damit maximale Aufmerksamkeit. Kaum ein Medium kam an der Diskussion vorbei. TV, Radio, Print und Online veröffentlichten tägliche Updates.
Bemerkenswert fand ich auch die Diskussion um den Friedens-Nobelpreis. Auch hier hat sich Trump selbst zum Sieger der Friedens-Stifter erklärt. Den schwedischen Regierungschef zu einer öffentlichen Antwort genötigt und neue mediale Wellen geschlagen.
Wer gewinnt die Aufmerksamkeit der Medien?
Trump wartet nicht auf Themen, er setzt sie. Damit gewinnt er die Aufmerksamkeit der Medien. Er produziert eigene Geschichten, erzeugt mediale Wellen, auf die andere ihre Surfbretter setzen.
Doch das Wichtigste: Er schafft es mit seinen obskuren Themen von anderen gesellschaftlichen Baustellen abzulenken.
Die Sprache: Emotion statt Information
Gerne würde ich kurz auf die Sprache des Boulevardjournalismus eingehen, den auch die BILD Zeitung täglich praktiziert. Zu den wichtigsten Prinzipien zählt die Personalisierung:
Komplexe politische Sachverhalte werden auf Personen reduziert. Es geht nicht um Handelspolitik, sondern um “den Kampf” gegen einzelne Widersacher. Hier eignen sich Trumps Themen besonders gut.
Das zweite Kennzeichen ist die emotionale Zuspitzung: Boulevardmedien leben von Wut, Angst und Superlativen. Trumps Vokabular – von „Greatest“ bis „Disaster“ – ist die direkte Übersetzung einer reißerischen Schlagzeile in die gesprochene Sprache.
Hinzu kommt das Schwarz-Weiß-Denken: Es gibt keine Grauzonen. Man ist entweder ein „Gewinner“ oder ein „Verlierer“, ein Patriot oder ein Verräter. Die Archetypen sind auch im Boulevard ein beliebtes Raster.
Trumps Strategie: Die Welt als Titelseite
Donald Trump begriff schon früh in seiner Karriere als Immobilienentwickler in New York, dass im Boulevard eine einzige Währung zählt: Aufmerksamkeit. Dabei ist es zweitrangig, ob die Berichterstattung positiv ist.
Als Präsident nutzt er das mediale Prinzip des „Flood the Zone“. Das heißt, Trump produziert so schnell es geht, neue, schockierende oder provokante Aussagen, dass die klassischen Medien kaum mit der Faktenprüfung hinterherkommen.
Bevor ein Skandal analysiert ist, hat er bereits die nächste Schlagzeile geliefert. Er brandmarkt Gegner mit einprägsamen Spitznamen, die wie Werbeslogans funktionieren, und besetzt Themen so emotional, dass eine sachliche Debatte fast unmöglich wird.
Die DNA von Trumps Medienstrategie
Zurück zu Trumps Mentor. Roy Cohn lehrte ihn ein dreiteiliges Credo, das heute die DNA von Trumps öffentlichem Auftreten bildet:
- Attackiere immer: Gehe niemals in die Defensive. Wenn du angegriffen wirst, schlage doppelt so hart zurück.
- Gib niemals etwas zu: Leugne alles, selbst wenn die Beweise gegen dich sprechen.
- Erkläre dich zum Sieger: Unabhängig vom tatsächlichen Ausgang einer Situation musst du die Deutungshoheit behalten und dich als Gewinner inszenieren.
Nun gibt es auch in Europa einige politische Akteure, die den Stil von Trump und die Regeln des Boulevard-Journalismus imitieren. Der Brexit-Aktivist Nigel Farange hat sehr erfolgreich mit den Boulevard interagiert und wurde bereits 2020 von Trump als “King of Europe” gelobt.
Auch in Italien nutzt Georgia Meloni die Regeln des Boulevard-Journalismus. Mit einem wichtigen Unterschied: Während Trump den Boulevard als Waffe nutzt, um Gegner zu vernichten (Cohn-Schule), nutzt Meloni ihn eher als Schutzschild und Brücke, um radikale Inhalte durch eine sympathische, bodenständige Fassade massentauglich zu machen.
Man könnte sagen: Trump ist der “Krawall-Boulevard”, Meloni ist die “politische Homestory”.
Der Bayerische Rundfunk hat vor wenigen Tagen einen interessanten Beitrag veröffentlicht: Trumps Medienstrategie: Was sollten wir dazu lernen? Im Kern geht es um die Frage der Pressefreiheit, die durch Trumps Vorbild auch in Europa unter Beschuss gerät.