„Es gibt drei wichtige Regeln beim Filmemachen: Du sollst nicht langweilen, du sollst nicht langweilen und du sollst nicht langweilen!“ Dieses Zitat stammt von Billy Wilder. Er hat das Drehbuch für etliche Filmklassiker geschrieben und oft auch die Regie geführt: „Emil und die Detektive“, „Eins, zwei, drei“ und „Manche mögen’s heiß“.

Was mich an seiner Biografie besonders fasziniert: Billy Wilder empfiehlt allen Geschichtenerzählern, die Hälfte ihrer Energie und Aufmerksamkeit in das Ende zu stecken. Dies gilt nach meiner Beobachtung auch im Business, damit ein Neuanfang gelingt.

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Die Seele fährt Achterbahn

Auch im beruflichen Alltag finde ich das einen wichtigen Ansatz: Nach Möglichkeit sollten wir in Beziehungen und Projekten versuchen, ein stimmiges Ende zu finden. Doch in der Lebenspraxis fällt genau dieser Abschluss vielen Menschen besonders schwer. Hier spielen unsere Emotionen eine zentrale Rolle: Enttäuschungen führen dazu, dass unsere Seele Achterbahn fährt und wir Mühe haben, aus diesem Auf und Ab der Gefühle an der nächsten Haltestelle wieder gesund auszusteigen.

Dazu zwei kurze Beispiele aus meinem Leben: Unser Nachbar stirbt, gerne erinnern wir uns an den letzten gemeinsamen Abend auf der Terrasse. Am nächsten Tag schreibe ich einen ausführlichen Kondolenzbrief und erinnere die Witwe an die gemeinsamen Erlebnisse. Ich drücke empathisch unsere Trauer aus.

Doch leider bekomme ich keine Reaktion. Keine kurze Karte, kein Wort – Funkstille. Ich kann den Schmerz und die Trauer verstehen, doch ohne Rückmeldung bleibt etwas offen zwischen uns, eine emotionale Verbindung unbeantwortet.

Wir brauchen eine Abschiedskompetenz

Beispiel 2: Kurz vor seinem Tod bin ich einer der letzten Journalisten, der Heinz Rühmann in seinem Haus am Starnberger See interviewen darf. Es ist eine sehr berührende Begegnung. Der bekannte Schauspieler wirkt in unserem Gespräch ausgesprochen introvertiert und bescheiden, ganz anders, als ich ihn von der Leinwand her kenne.

Als ich Monate später von seinem Tod erfahre, schreibe ich seiner Witwe einen persönlichen Brief und bedanke mich für die letzte Begegnung. Niemals hätte ich erwartet, dass seine Frau Hertha Droemer antwortet. Bei Hunderten von Briefen habe ich dafür vollstes Verständnis. Doch einige Wochen später schreibt sie mir sehr bewegend eine Karte per Hand und dankt für die Anteilnahme.

Seinen letzten Film „In weiter Ferne, so nah!“ drehte Heinz Rühmann ein Jahr vor seinem Tod. Dieser Titel passt sehr gut zu den Beziehungen, die durch Umzug oder Trennung abbrechen. Auch sie bleiben emotional in der Luft hängen, bis sie aktiv beendet werden.

Wenn das Herz blockiert ist

Doch genau das ist der kritische Punkt: Aus meiner eigenen Biografie kann ich zahlreiche Beispiele erzählen, die über Jahre offen blieben. Einer meiner besten Freunde trennte sich von seiner Frau, wechselte die Arbeitsstelle und zog weg.

Durch unsere langjährige Freundschaft konnte ich mich in seinen Schmerz einfühlen und auch die Scham spüren, die seine gescheiterte Ehe bei ihm auslöste. Immer wieder suchte ich das Gespräch, besuchte ihn in seinem neuen Zuhause, doch die Scham überwog. Der Austausch war nicht mehr frei, wurde immer mehr zum Smalltalk, sein Herz war blockiert. Er versprach, mich zu besuchen, doch kam nie.

Über Jahre startete ich etliche Versuche, ich wusste, dass er regelmäßig an unserer Wohnung vorbeifuhr, wenn er seine Eltern besuchte. Doch er hielt nie an. Unsere tiefe Freundschaft hatte sich in eine Einbahnstraße verwandelt und mein Schmerz blieb. Ich fühlte mich in einer emotionalen Sackgasse und suchte nach einer Lösung. Ich hatte immer noch diese offene Beziehung wie einen Strang in der Hand.

Vor dem Neubeginn braucht es einen Abschluss

Um neue Beziehungen eingehen zu können, musste ich dieses lose Ende loswerden und zu einem guten Ende bringen. Beim Überlegen kam mir das Symbol eines Gedenksteines in den Sinn: Warum nicht einen schönen Kieselstein auswählen, den ich im Garten ablege und der mich an unsere vergangene Beziehung erinnert? Wie bei einem Grabstein markiert er das Ende unserer Freundschaft. Gleichzeitig bin ich frei, ihm jederzeit wieder offen zu begegnen.

An dieser Stelle möchte ich Sie ermutigen, die ungeklärten Enden in Ihrer Biografie anzuschauen. Wo hängen bei Ihnen Beziehungen in der Luft und verhindern damit einen Neubeginn? Nehmen Sie sich zwei Stunden Zeit und ziehen Sie sich an einen ruhigen Ort zurück.

Schreiben Sie einmal die Namen derer auf, bei denen noch eine Beziehung offen ist. Hören Sie in sich hinein und überlegen Sie, was für Sie ein gutes Abschlussritual sein könnte. Vielleicht brauchen Sie noch ein letztes Gespräch oder einen Brief, in dem Sie Ihre Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit ausdrücken. Ich bin mir sicher, dass Sie im Herzen spüren, welche Form angemessen ist.

Wie ein Neuanfang geling

Es kann aber auch sein, dass Sie ohne eine Erklärung die Beziehung einseitig beenden und für sich ein passendes Abschlussritual finden, ohne den anderen darüber zu informieren. Diese Entscheidung bringt Ihnen auch Klarheit, wie Sie bei einer weiteren Begegnung frei und offen mit diesem Menschen umgehen.

Bei meinem langjährigen Freund gab es nach 16 Jahren Funkstille dann wieder den einen oder anderen Kontakt. Er wollte gerne mit mir beruflich zusammenarbeiten und versuchte auf unterschiedlichen Kanälen, das zu erreichen. Durch meine vorher getroffene Entscheidung war ich innerlich jedoch ganz klar und lehnte freundlich, aber bestimmt ab. 

Wenn der Chef zur Feder greift

Zum Abschluss noch zwei Beispiele aus dem beruflichen Kontext: Vor Jahren hat mich der Bericht eines Mitarbeiters berührt. Er beschreibt, wie ihm sein Chef nach der Kündigung einen ausführlichen Brief schrieb und sich die Zeit nahm, ihm persönlich für die Jahre der Zusammenarbeit zu danken.

Das war für ihn so bemerkenswert, weil dies in den meisten Firmen unüblich ist und schlichtweg vergessen wird. Am Anfang investiert das Unternehmen sehr viele Ressourcen, um den Mitarbeiter zu gewinnen, am Ende geht der Abschied häufig sehr geringschätzig ab.

Im Gespräch mit Handwerkern und kleinen Unternehmern ermutige ich die Chefs, für ein gesegnetes Ende zu sorgen, selbst dann, wenn man sehr unglücklich über die Verabschiedung des Mitarbeiters ist. Mitunter erleichtert das auch den Neubeginn. Vor wenigen Tagen erzählte mir die Chefin eines großen Unternehmens, wie traurig sie war, einen ihrer Lkw-Fahrer zu verlieren. Zumal sie mit ihm sehr zufrieden war.

Doch eine andere Firma bot ihm mehr Gehalt und weg war er. Sie zögerte einen kurzen Moment, dann strahlte sie mich an: „An der neuen Stelle hat es ihm nicht gefallen, er hat sich an die guten Zeiten bei uns erinnert und gefragt, ob er zurückkommen kann.“ Na, klar, sagte sie. Der Neuanfang gelang.