“Du kannst dein Leben nicht verlängern, nicht verbreitern, nur vertiefen.” Dieses Zitat von Gorch Fock beschäftigt mich für eine Woche auf Madeira. Gemeinsam mit meiner Frau Ilona habe ich mich eine Woche aus dem Alltag zurück gezogen, um aktiv über unsere “Vertiefung” ab dem 60. Lebensjahr nachzudenken.

Klausur auf Madeira

Für einen Neubeginn braucht es besondere Orte

Für kreative Projekte brauche ich einen Kraftort: Bereits vor 25 Jahren habe ich erkannt, dass es mir am Meer leichter fällt, in kurzer Zeit ein komplexes Thema neu zu denken. Während ich für ein Buchprojekt zuhause vier Monate benötige, gelingt es mir am Meer innerhalb von sieben bis 14 Tagen ein Manuskript zu schreiben. Auch die Drehbücher für meine Dokumentarfilme schreibe ich am liebsten mit Blick aufs Wasser.

Sonne, Wind und unbegrenzte Fernsicht sorgen für einen kreativen Flow, der bereits wenige Stunden nach Ankunft einsetzt. So auch bei dieser Klausur auf Madeira. Im Hotel der Familie Pestana entwickeln wir seit Montag ein Zukunftsbild, das uns in den kommenden Jahren leiten und inspirieren soll.

Mit einem Stapel aktueller Bücher sitzen wir auf der Terrasse zwischen Palmen und versuchen uns in die Zukunft unserer Region Nordhessen, aber auch in die gesellschaftlichen Umbrüche hineinzudenken. Was sind die Herausforderungen, die Führungskräfte in den kommenden Monaten und Jahren bestehen müssen?

Mit Blick auf das Meer scheint die Zukunft grenzenlos

Druckfrisch lesen wir das neueste Essay von Professor Michael Hochschild aus Paris. Er wird am 3. März bei unserem Innovationsforum Mittelstand seine Thesen zur Zukunft vorstellen. “Die neue Heimat” heißt sein aktuelles Buch, in dem er die gesellschaftlichen Umbrüche auf den Punkt bringt. Anhand der Feuerkatastrophe von Notre Dame in Paris zeigt er auf wie “aus der Asche verbrannter Sinngebung Neues entsteht”.

Hochschild analysiert die Identitären Bewegungen, die in ganz Europa alte Heimatbegriffe neu beleben wollen und doch nur einem vergangenen Ideal hinterherrennen, eine “Harmonie der Täuschung”. Ilona und ich fragen uns, wie wir im Gutshof einen authentischen Ort der Beheimatung schaffen können, der keine Täuschung, sondern ein realer Ort der Geborgenheit und Gemeinschaft bietet.

Wie wir Sinnfluencer stärken wollen

Seit Jahren suchen wir nach einem Zukunftsbild, das uns in den kommenden Jahren begleitet. Auf Madeira haben wir einen passenden Begriff gefunden und auch mit Leben gefüllt: Die Sinnfluencer. Für uns sind dies Menschen, die wie von Gorch Fock eingangs beschrieben ein “vertieftes” Leben führen wollen. Persönlichkeiten, die ihre Berufung, den Sinn ihres Lebens klar entdeckt haben und diesen Erfahrungsschatz an die nächste Generation weitergeben wollen.

Wir beide möchten uns in den nächsten Jahren in diese Sinnfluencer investieren, sie aktiv begleiten und mit ihnen eine Community bauen, die sich gegenseitig unterstützt und ermutigt. Mit den “HOMEbergern” haben wir in Nordhessen bereits eine Gruppe von kleinen Manufakturen, die sich seit zwei Jahren vernetzt und gegenseitig fördern. Im “Sommer of Pioneers” unterstützen wir dieses Jahr ein Pilotprojekt für junge Influencer, die auf dem Land ihr Projekt weiterentwickeln wollen.

Wie verbinde ich mich mit dem Zukunftspotential?

Ein zweites Buch, das uns in der Klausur inspiriert stammt von dem MIT-Forscher C. Otto Scharmer (Massachusetts Institute of Technology). In einer Kurzfassung seiner Arbeiten “Essentials der Theorie U” beschreibt er gut verständlich, welche Chancen er für die gesellschaftlichen Herausforderungen sieht. Er liefert eine Blaupause, wie das “Betriebssystem” von Unternehmen, Bildungseinrichtungen und Demokratien aktualisiert und an die heutigen Herausforderungen angepasst werden können.

Scharmer beschreibt, wie die künftigen Strukturen 4.0 als Ökosystem um einen gemeinsamen Zweck herum organisiert werden können: So gelingt es wie bei den “HOMEbergern” eine regionale Wirtschaft als “Schwarmorganisation” neu zu vernetzten. Der zentrale Punkt: Die Beteiligten müssen erkennen, dass sie mit dem alten “Ego-System” in einer Sackgasse landen und auf Dauer nur als regionales “Öko-System” überleben können.

Ilona und auch mich fasziniert, dass C. Otto Scharmer als Forscher die Gesellschaftsbereiche Wirtschaft, Bildung und Politik mit Spiritualität verknüpft. Als Sinnfluencer brauche ich Zugang zu meinen inneren Quellen, um mit einer klaren Identität meinen gesellschaftlichen Einfluss wahrzunehmen.

Presencing: Wenn Kopf und Herz das Handeln bestimmen

Bei Scharmer habe ich einen neuen Begriff entdeckt: “Precensing”. Sein gleichnamiges Institut hat eine Methode entwickelt, in der die Zukunftsmöglichkeiten im Raum aufgestellt werden. Damit soll die Kluft zwischen Kopf und Herz geschlossen werden, zwischen Wissen und Handeln.

Zugegeben, so ein “Erspüren”, wie Scharmer es nennt, braucht Zeit und Muse und wie bei uns diese Woche einen ungestörten Kreativort. Dabei geht es um die beiden Schlüsselfragen: “Wer ist mein eigenes Selbst? und Was ist mein Ding?”

Ilona und ich sind uns beide einig, dass wir in den kommenden Jahren neben den Sinnfluencern auch die regionalen Prozesse unterstützen wollen. Unser Traum: In Nordhessen ein “Ökosystem der Innovation” mit aufzubauen, wie Scharmer es nennt.

Damit dies gelingt, “spüren und planen” wir hier auf Madeira. Wir stellen uns vor, wie sich Nordhessen vom angeblich abgehängten Zonengrenzbezirk in eine blühende Landschaft verwandelt. Bereits heute sind wir in der europäischen Top Ten der innovativsten Wirtschaftsregionen – nur wissen die meisten Bürger das gar nicht.

Wir beide sehen trotz aller Verwerfungen und Krisen realistisch und optimistisch in die Zukunft. Vernetzt mit anderen Sinnfluencern wollen wir die Chancen nutzen und aktiv unsere Region mitgestalten, damit ein “vertieftes Leben” gelingt.

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