Kürzlich war ich mit meiner Frau noch einmal Waldbaden. 24 Grad Ende September. Ich döse in der Hängematte, blinzle in die Sonne und genieße die Restwärme des Sommers. Wie lange kann ich diese Energie mitnehmen?

Die Wärme der Wand im Rücken
In der ersten Oktoberwoche saß ich abends oft vor dem Haus am Küchenfenster und genoß die wärmende Kraft der Abendsonne. Als es kühler wurde, rückte ich mit dem Stuhl an die Hauswand. Sie hatte die Wärme des Tages immer noch gespeichert und gab mir ein wohliges Gefühl im Rücken.
Bei dem schwedischen Schriftsteller Thomas Sjödin habe ich heute Morgen einen passenden Gedanken gefunden: Er nennt es die „Restwärme“, die uns vom Spätsommer in den Herbst begleitet.
Doch Sjödin meint damit nicht nur die Jahreszeiten, sondern auch die Restwärme „von den Menschen, die wir nicht bei uns haben. Sie sind weg, aber ihre Wärme ist noch da.“
Die Restwärme von geliebten Menschen
Als ich den Satz lese, rollen mir die ersten Tränen über die Wangen. Die letzten Tage habe ich oft an meinen Vater gedacht. Die 10 Tage in der Schweiz haben mich fast täglich an ihn erinnert.
Der Blick auf den Zürichsee, die „Zuger Kirschtorte“, die wir beide liebten. Das gab mir Restwärme. obwohl mein Papa schon seit neun Jahren nicht mehr lebt.
Aber ich denke auch an geliebte Freunde, die in kurzer Zeit nacheinander gestorben sind: An Hans, Heike, Adam, Brigitte. Ich merke, wie ich ihr Lachen, die tiefen Gespräche vermisse, und doch ihre „Restwärme“ noch spüre.
Das Leben ist kein Versandhaus
Thomas Sjödin regt zum Nachdenken an: „Gesundheit, gute Freunde und Begegnungen, einen Menschen, den man liebt und von dem man geliebt wird, das sind keine Rechte die man einfordert, auch keine Waren, die man bestellen kann.“
Sjödin ermutigt, jede Begegnung als Geschenk anzunehmen: „Das Leben ist kein Versandhaus. Man kann es nur so annehmen, wie es kommt, und sich von Dankbarkeit durchströmen lassen.“
Mein inneres Orchester spielt ein Lied von Reinhard Mey: „Wie viele Sommer mag es noch geben?“ Eine Ballade, die an die Endlichkeit des Lebens erinnert, auch an die Vergänglichkeit dieses Sommers.
Wie viele Sommer mag es noch geben?
Meys Lied endet mit einem entscheidenden Satz: „Einander Trost und Wärme zu geben. Die Liebe überstrahlt alles im Leben.“ Das klingt pathetisch, doch es bringt sehr gut auf den Punkt, worauf es im Leben ankommt.
Für mich sind es die Zeiten mit meinen Freunden, auch in schwierigen Lebensphasen. Der gemeinsame Austausch und der ehrliche Dialog von Herz zu Herz, das Teilen von Lebenserfahrungen. Das sind die Geschichten, die mich berühren.
So liege in der roten Hängematte und genieße diesen kostbaren Moment. Ich will die Wärme speichern, ganz tief in meinem Körper-Gedächtnis, dass sie noch lange in den Herbst hineinreicht.