Als Autor suche ich immer wieder nach besonderen Kreativ-Orten, um ungestört schreiben zu können. Jetzt habe ich einen neuen Ort am Zürichsee entdeckt und 10 Tage dort gearbeitet.

elcasa Männedorf
Foto: elcasa Männedorf

elcasa Männedorf – eine Heimat auf Zeit

Im letztem Sommer hat das Gästehaus „elcasa“ Männedorf“ neu eröffnet. 1972 war ich als Kind schon einmal dort in den Sommerferien. Nun war ich neugierig, wie sich das Haus nach dem Komplettumbau für mich als Erwachsener anfühlt.

In meiner Kindheit hieß es noch „Erholungsheim“. Seit einem Jahr trägt es den Namen für Haus und Heimat: „elcasa“ – ich finde das passt sehr gut. Die Lage direkt an der Goldküste des Zürichsees ist einzigartig. Auf einem Sonnenplateau erbaut, hat man den ganzen Tag einen traumhaften Blick über den See und jetzt im Herbst sehr viel Sonne.

Jeder, der schon einmal einen langen Text oder ein Buch geschrieben hat, weiß wie wichtig der Ort ist, um in den Schreibfluss zu kommen. Ich persönlich brauche Licht, Weitsicht und wenn möglich der Blick auf das Wasser. Es gibt etliche Schriftsteller-Kollegen, denen es ähnlich geht, die am Bodensee, in einem englischen Cottage am Meer oder auf einer griechischen Insel schreiben.

Fotos: Rainer Wälde

Kleine Rituale beim Schreiben

So sitze ich im September bei geöffnetem Fenster zwischen 23 und 27 Grad, während es bei uns in Nordhessen 10 Grad kühler ist. Meine tägliche Schreibroutine beginnt um 9 Uhr, um meinen neuen Roman fertig zu stellen.

Ich bin ein Leertischler. Außer meinem Computer, einem Heft mit Notizen und dem Buchcover brauche ich nichts. Bis auf ein textiles Requisit: Meine grüne Schreibhose. Sie gehört zum Schreibritual dazu. Nach dem Frühstück ziehe ich sie wie ein kreativer Handwerker an und lege los.

Ich kenne etliche Schriftsteller-Kollegen, die eine ähnliches Ritual haben: Sie erzählen, wie sie in einer bestimmten Strickjacke oder einer bestimmten Hose ihre Romane schreiben. Klingt kurios, aber ich gestehe offen: Bei mir ist das auch so.

Wie kommt man in den Schreibfluss?

Die Gretchenfrage von Autoren: Wie kommt man in den kreativen Flow? Bei mir sind es 20 Stunden Leerlauf. Das heißt: Ich schreibe täglich vier Stunden von 9 bis 13 Uhr – dann mache ich 20 Stunden Pause.

In diesem scheinbaren Leerlauf leistet das Gehirn unbemerkt die Verarbeitung: Löst offene Fragen in der Handlung, überlegt sich neue Details, feilt an Dialogen, entwirft interessante Szenen.

Schreiben hat für mich sehr viel mit Stille und Einsamkeit zu tun. Das elcasa Männedorf bietet diese kontemplative Ruhe, in der es wenig Ablenkung gibt, um im Schreibfluss zu bleiben. Einzigartig sind auch die Sonnenuntergänge über dem Zürichsee, die ich vom Balkon aus genießen kann. Für mich sind sie wie lebendige Leinwände, auf denen neue Ideen für den kommenden Schreibtag entstehen.

Die Zeit in Männedorf hilft mir auch, meine Hauptfiguren in ihrer inneren und äußeren Entwicklung noch stringenter zu gestalten. Und ich finde auch eine Lösung für mein Bildsystem: Ein Ginkgoblatt, das am Anfang und Ende eine wichtige Metapher für den Leser bietet und gleichzeitig ein Jahrhundert im Buch verbindet.

Wo der Himmel dünner ist

Zum Schluss noch ein kleiner Seitenstrang: Ich recherchiere bei besonderen Orten gerne auch nach der Geschichte. Das elcasa steht an einem Ort, an dem vor 170 Jahren eine ungewöhnliche Frau gewirkt hat. Dorothea Trudel stammte aus einer Großfamilie mit 11 Kindern und arbeitete als Weberin.

Durch eine körperliche Behinderung hatte sie eine große Empathie für kranke Menschen und fing an für sie zu beten. Tausende von Menschen kamen nach Männedorf, um gesund zu werden. Heute würde man sie eine Heilerin nennen.

Dieser gute Geist ist auch heute noch spüren. Das Team im elcasa Männedorf ist ausgesprochen gastfreundlich und bemüht sich nach allen Kräften, dass man sich wirklich zuhause fühlt.

Mein Glück: Nach einem Jahr Arbeit ist mein Roman nun druckfertig. In den 10 Tage an der Goldküste habe ich den 300 Seiten den letzten Feinschliff gegeben und auch einige neue Kapitel geschrieben. Nun beginnen die Wochen der Setzer und Drucker, damit das Buch schon bald erscheinen kann.

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