“Die Zukunft ist schon unter uns, wir sehen sie nur nicht”, betont Prof. Dr. Michael Hochschild aus Paris gestern in seinem Vortrag. Als Soziologe registriert er sehr aufmerksam die gesellschaftlichen Umbrüche, die um uns herum passieren. Sein Referat ist für mich ein Weckruf und inspiriert mich zu diesem aktuellen Blogbeitrag.

Foto: Shutterstock

Die Brille der Vergangenheit behindert uns

Michael Hochschild ist Forschungsdirektor und Professor für postmodernes Denken am Time-Lab Paris/Institut d’Études et de Recherches postmodernes. In seinem Vortrag macht er die 220 Führungskräfte auf die blinden Flecken ihrer Wahrnehmung aufmerksam:

“Der Durchbruch der neuen Welt ist schon da, die Zukunft ist schon unter uns!” Doch wir erkennen diese Epoche nicht, “weil wir die Brille der Vergangenheit aufhaben!”

Ein neuer Geist der Finesse

Pointiert greift er die Fernsehwerbung auf, in der noch die alten Statussymbole im Mittelpunkt standen: Mein Haus, meine Auto, mein Pferd! Nach seiner Ansicht ist diese Ära längst Vergangenheit und durch einen “neuen Geist der Finesse” abgelöst.

Nach Ansicht von Professor Hochschild bildet sich eine “neue Allianz von Kultur, Natur und Technologie”. Es beginnt ein “Zeitalter der bunten Mengen”. Die neue Welt funktioniert nicht mehr “Top down” von oben nach unten, sondern “Bottom up”, dass heißt von unten nach oben.

Wahrnehmen oder falsch-nehmen?

Ich finde spannend wie Michael Hochschild die aktuelle Diskussion um “Fake News” einordnet: Nach seiner Ansicht steht jede Führungskraft vor der Frage, will ich die neue Welt “wahrnehmen oder falsch-nehmen”? Zitat Hochschild: “Wir leben im postfaktischen Zeitalter, wo eine Revolte gegen die Vorherrschaft von Tatsachen im Gang ist.” Nach seiner Beobachtung “wird es eng für gute Nachrichten”.

Viele Menschen in Europa würden eine tiefe “Sehnsucht nach der alten Welt der Moderne” empfinden, in der sich die Seele geborgen fühlt. Doch künftig sei eine neue Form von Heimat gefragt: “Heimat ist der Weg zu sich selbst”.

Professor Dr. Michael Hochschild, Time-Lab Paris
https://www.michael-hochschild.fr

Entscheidung für Tradition? Oder für das Leben?

Nun könnte man denken, dass es um eine Entscheidung zwischen Tradition oder Moderne geht. Doch für den Soziologen Hochschild geht um eine “Entscheidung für das Leben”.

Sehr anschaulich spricht er über das Zeitalter der Mobilität, das längst angebrochen ist. Kirchen und Parteien machen mobil, doch “wenn alle mobil sind, gibt es keine Bewegung mehr”, so seine These.

Der Pariser Forscher ist überzeugt, dass gesellschaftliche Probleme in Zukunft nur noch von allen gemeinsam gelöst werden können. An die Kirchen gewandt, meint Hochschild: “Wir können nicht mehr so leben wie die Großeltern, warum sollten wir noch so glauben?”

Sollen wir die alte Heimat nachbauen?

Lange diskutiere ich mit meiner Frau Ilona über seinen Appell am Ende des Vortrags: “Bauen Sie in der neuen Welt nicht die alte Heimat nach!” Natürlich ist das ein klassischer Reflex in starken Umbrüchen, den Idealen der Vergangenheit nachzuhängen und sie in irgendeiner Form zu bewahren.

Gleichzeit sind wir beide fest überzeugt, dass Hochschilds These vom “Durch der neuen Welt” bereits greifbar ist. Jeder der die Nachrichten aufmerksam verfolgt, spürt dass ein neues Zeitalter beginnt.

Die Frage an uns als Unternehmer: Sind wir bereit die “Brille der Vergangenheit abzulegen” und uns ganz auf die neue Heimat einzurichten, die noch niemand von uns kennt?

Radikal in der neuen Heimat verwurzeln

Professor Hochschild aus Paris und viele andere Experten aus Europa sind überzeugt, dass auch die Politiker und viele Führungskräfte in der Wirtschaft nur ahnen, was auf uns an gesellschaftlichen Veränderungen zukommt.

Die spannende Frage: Sind wir bereit neue Allianzen zu schmieden? Wie beispielsweise zwischen Kultur, Natur und Technologie? Wollen wir in dieser neuen Bewegung einer der Akteuere sein, die den Wandel mitprägen?

Dabei sinnieren wir beide über den Appell des Soziologen: “Verwurzeln Sie sich radikal in der neuen Welt.” Warum? “Um der Menschen willen!”

In der kommenden Woche stelle ich Ihnen die Zukunfts-Vision von Professor Klaus Henning aus Aachen vor, der über die “2. Gutenberg-Revolution” und das “Revival von Bildern und Mythen” nachdenkt.