Wer bin ich in diesem Unternehmen? Was ist mein Platz? Das sind Fragen, die sich unbewusst jeder Mitarbeiter stellt. Dahinter steckt die tiefe Sehnsucht nach Bestätigung der eigenen Identität. Auch in meiner Beratung von Führungskräften beobachte ich, dass die Sehnsucht, “erkannt” zu werden – mit zunehmendem Alter noch stärker wird.

Malte Groß – Foto: Jonathan Linker

Ein intimer Moment der Erkenntnis

Gestern Abend lief zur besten Sendezeit im Hessen Fernsehen ein Portrait des jungen Biobauern Malte Groß. Auf dem elterlichen Hof bei Homberg/Efze betreibt er gemeinsam mit Freunden eine ökologische Landwirtschaft und einen Hofladen. Ich kenne den jungen Landwirt bereits seit drei Jahren durch unser regionales Netzwerk “Die HOMEberger”. Vom ersten Moment an mochte ich seinen Humor und seine wertschätzende Art. Malte hat Pädagogik studiert und dann erkannt, dass ihm das Landleben und die nachhaltige Landwirtschaft wichtig sind.

Durch die Fernsehsendung habe ich Malte noch besser kennengelernt. Dem Filmteam ist es gelungen, intime Momente zu dokumentieren, die mich zum Nachdenken anregen: Malte verlädt eines seiner Schweine in den Anhänger und schaut ihm nach, als es vom Hof gefahren wird. Seine Stimme stockt, dann bekennt er, wie ihm das Tier nach einem Jahr Aufzucht ans Herz gewachsen ist.

In diesem intimen Moment wird mir bewußt, wie wenig Gedanken ich mir in meinem Alltag über die mühsame Arbeit in der Landwirtschaft mache. Obwohl ich direkt neben einem Bauernhof aufgewachsen bin, kaufe ich oft achtlos ein und nehme vieles für selbstverständlich. Der Film über Malte Groß macht erneut deutlich, wie wichtig ein wertschätzender Umgang mit der Schöpfung und unseren Nahrungsmitteln ist.

Wer erkennt das Potential?

Malte Groß hat das Glück, dass sein Vater ihn in seiner Identität als Biobauer bestärkt hat und ihm aus der eigenen leidvollen Erfahrung als Pionier in der ökologischen Landwirtschaft den Rücken stärkt. Leider machen viele junge Unternehmer die gegenteilige Erfahrung, wenn sie mit ihrer Idee abheben wollen. Eltern und Freunde raten ihnen ab, die riskante Form der Selbständigkeit zu wählen. Häufig werden eigene Ängste projiziert, statt das Potential des jungen Startups zu erkennen und zu fördern.

Auch als Berater beobachte ich immer wieder, wie arglos manche Chefs mit dem Potential ihrer Mitarbeiter umgehen: Mit großem Aufwand suchen sie nach Fachkräften und sind glücklich, wenn sie passende Bewerber finden. Doch je nach Firmenkultur bleiben etliche Talente im Alltagsbetrieb frustriert stecken.

Ein junger Mann berichtet mir wenige Tag vor dem Ablauf seiner Probezeit, dass er sich entschieden hat, das Unternehmen wieder zu verlassen. Seine Chefin war anfangs glücklich, dass sie ihn einstellen konnte. Doch schnell war er nur ein Rädchen im Firmengetriebe. Sein Potential für die Firma wurde weder gefördert noch erkannt. Wenige Tage später hatte er bereits eine neue Stelle.

Die tiefe Sehnsucht hört nicht auf

Seit acht Jahren begleite ich Selbständige und Unternehmer bei ihrer Positionierung. Ich nehme mir einen halben Tag Zeit, um ein sehr intensives Gespräch mit ihnen zu führen und ihre Biografie und ihre Lebensthemen zu erkunden. Etliche Kunden sind überrascht, wie persönlich meine Fragen sind und wie detailliert ich nach ihrem Werdegang frage.

Doch mit ihrer eigenen Erzählung steigt auch das innere Glück, dass sich ein anderer Mensch aufrichtig für ihr Leben interessiert. Für mich als Berater sind das die kostbarsten Momente, tiefe Einblicke in das Leben meines Gegenübers zu bekommen. Authentisch und ganz ohne Maske.

Ich spüre, wie kostbar auch die Kunden unser Gespräch erleben: “Endlich hört mir jemand zu und erkennt wer ich bin, wie ich als Unternehmer ticke. Was ich mit meinem Leben geschaffen habe, welche Spuren ich hinterlasse.” Nach vier Stunden habe ich bei vielen Kunden den Eindruck, wie erfüllend für sie unser Dialog ist und wie glücklich sie sind, dass ich sie in ihrer Identität “erkannt” habe.

Wer bin ich und wenn ja, wieviele?

Richard David Precht hat mit seinem Bestseller bereits vor Jahren einen markanten Anstoß zum Nachdenken gegeben: Wer bin ich und wenn ja, wieviele? Die Suche nach unserer eigenen Identität ist ein zentrales Thema, das uns als Menschen über alle Lebensphasen begleitet.

Nur im Dialog mit meinem Gegenüber erkenne ich, wer ich wirklich bin. Deshalb machen wir Menschen uns so viele Gedanken über unser “Ansehen”. Wir wollen gesehen werden – mit unserer Einzigartigkeit und sehnen uns nach Menschen, die uns in unserer Identität bestätigen.

Mir persönlich macht es sehr viel Freude als Mentor junge Medienmacher auf ihrem Weg ins Berufsleben zu begleiten. Vor einem Jahr haben sich 14 Filmemacher auf dem Gutshof getroffen und unterstützen sich gegenseitig auf ihrem beruflichen Weg. Sie nennen sich “Ritter der Tafelrunde” und ich bin glücklich, dass ich sie dabei wie “Merlin” unterstützen darf.

Wir brauchen Chefs, die Talente fördern

Für die kommende Phase meines Lebens habe ich einen Traum: Ich möchte eine Brücke schlagen zwischen den Generationen und jungen Menschen helfen einen Mentor zu finden, der ihr Potential “erkennt” und sie fördert. Malte Groß hatte das Glück, dass sein Vater ihn erkannt und unterstützt hat.

Doch viele junge Talente bleiben unerkannt. Sie brauchen Mütter und Väter, die sich Zeit nehmen, genau hinzuhören und das Potential erkennen. Sie brauchen Vorgesetzte, die nicht nur Lücken stopfen wollen, sondern aktiv Talente fördern und entwickeln – selbst auf die Gefahr hin, dass diese nach einigen Jahren weiterziehen.

Ich bin dankbar für die Mentoren in meinem Leben: Meine Lehrerin, den Schulleiter, der Chefredakteur unserer Zeitung, meinen Professor an der Hochschule und viele andere, die meine Begabung erkannt und gefördert haben. Ohne sie wäre ich heute nicht der Mensch, der ich bin.

Einigen von ihnen konnte ich persönlich “Danke” sagen, andere sind bereits gestorben. Sie haben meine Identität gestärkt und mich auf meinem Weg ins Leben begleitet.