Zum ersten Mal auf dem Matterhorn, die erste Fahrt mit dem Zeppelin – all das sind Sternstunden der eigenen Biografie. Sicher erinnern Sie sich an das Glücksgefühl dieses Moments. Warum feiern wir nicht öfters Premieren, in dem wir Dinge zum allerersten Mal tun?

Premiere in der Aquarellwerkstatt
Ich hatte in der letzten Woche eine Premiere: Zum ersten Mal war ich in der Aquarellwerkstatt. Zugegeben, vor der Premiere war ich neugierig, aufgeregt und sehr gespannt, was mich dort erwarten würde. Raus aus der Komfortzone des Vertrauten. Hinein ein unbekanntes Land.
Die Premiere hatte ich mir zu meinem 65. Geburtstag gewünscht. Ich wollte einfach mal etwas Neues ausprobieren. Barbara Hirsekorn hat während Corona von Null auf 20.000 einen sehr erfolgreichen YouTube Kanal gestartet. Ihre Art der Aquarellmalerei fasziniert mich. Deshalb wollte ich unbedingt bei ihr lernen.
Bereits die Vorbereitung war ein Abenteuer: Welche Farben? Tuben oder Näpfchen? Was für Pinsel brauche ich? Wie sieht es mit dem Papier aus? Über Wochen habe ich zuhause studiert, Bücher gelesen und die Premiere vorbereitet.
Das Premieren Phänomen
Während meiner Vorbereitung bin ich auf ein neues Buch von Brigitte Huber und Anne-Bärbel Köhle gestoßen. “Endlich Ich – Wie wir mit 60 anfangen, unser bestes Leben zu leben”. Die beiden Journalistinnen haben dem “Premieren Phänomen” ein ganzes Kapitel gewidmet.
“Premieren können eine lebensverlängernde und glücksstiftende Wirkung entfalten”, schreiben sie. Sie berichten, wie die ersten Male in ihrem Leben als kostbare Erinnerung abgespeichert sind.
“Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne” ist eine berühmte Zeile aus Hermann Hesses Gedicht “Stufen”. Es ermutigt mich, aktiv nach Premieren in meinem eigenen Leben zu suchen. Raus aus der Routine, dem Hamsterrad – hinein in ein neues Abenteuer.

Die beste Zeit ist jetzt
So sitze ich am Montagnachmittag mit 12 Frauen und einem Lokführer aus Frankfurt in Loccum am Steinhuder Meer. Gemeinsam lernen wir zu erst einmal das Buchbinden. Aus Büttenpapier nähen wir mit Nadel und Faden unser eigenes Aquarell-Reisetagebuch zusammen und binden es in Leinen.
Dann geht es an die Gestaltung der ersten Seiten: Wie entwickelt man ein spannende Dramaturgie auf einer Doppelseite? Barbara Hirsekorn war als Orchester-Musikerin aktiv. Sie hat ein sehr gutes Händchen, die Musikalität auch in der Malerei zu fördern. Sehr geduldig, zeigt sie mir als Anfänger, wie ich die Farben in meinem Kasten ordne. Wie Mischungen und Lasuren entstehen.
“Es ist ein Mythos, dass man quasi alle Lernerfahrungen und Veränderungen nur in der Jugend machen kann”, erklärt der Psychologe Marc Wittmann, der selbst 59 Jahre alt ist. Das kann ich aus meiner Erfahrung nur bestätigen. Ich bin überzeugt, dass man in allen Lebensphasen aktiv Neues lernen kann.
Weitere Premieren suchen
Nach drei intensiven Tagen reise ich glücklich nach Hause. Stolz halte ich mein erstes selbst gebundenes Skizzenbuch in der Hand. Zwei Doppelseiten habe ich bereits gestaltet.
Gestern Abend habe ich im Livestream mit 300 Aquarell-Begeisterten aus ganz Deutschland meinen ersten Farbkreis gemalt. Ich will dran bleiben und das was mich glücklich macht, weiter ausbauen und neue Erfahrungen sammeln.
Die nächste Premiere steht am Sonntag an. Ich bin zu einer Modern Gentleman-Konferenz eingeladen und werde zum ersten Mal einen Vortrag über Männerfreundschaft halten. Auch darauf bin ich sehr gespannt.

Etwas Neues lernen
Huber und Köhle nennen dies die “Erinnerungsschatzkiste”, in der wir mit jeder Premiere neue Glücksmomente holen. Sie empfehlen, einmal im Jahr einen neuen Ort zu besuchen. Damit sich keine Gewöhnung einstellt, sollten es Kurzreisen sein.
Ein weiterer Tipp: Sie raten, im musischen Bereich oder im Sport neue Dinge auszuprobieren. Eine neue Sprache zu lernen oder eine neue Art zu kochen.
Manchmal hilft es auch, an etwas anzuknüpfen, was man früher schon einmal ausprobiert hat. Nun bin ich gespannt auf Ihre Erfahrungen: Welche Premieren haben Sie für dieses Jahr geplant?