Kennen Sie auch das Gefühl: Das neue Jahr hat gerade erst begonnen und schon wieder ist der Terminkalender randvoll? In diesem Beitrag gebe ich Ihnen praktische Tipps, wie Sie in diesem Frühjahr aktiv entschleunigen und Ihre kreativen Batterien neu aufladen.

Terminkalender: Shutterstock

Wenn uns alles zu viel wird

Meine Ohren senden ein deutliches Zeichen: Das hörbare Rauschen signalisiert mir, es ist zu viel. Der Nacken verspannt, die Kiefergelenke knacken. Die Symptome senden mir eine klare Nachricht: Runter vom Gas, weniger Termine annehmen. Aktiv entschleunigen, damit mein Körper sich wieder entspannen kann.

Mit meinen Symptomen bin ich in guter Gesellschaft: In einer aktuellen Umfrage der Techniker Krankenkasse klagen sechzig Prozent über andauernden Stress. Gerade unter Selbständigen und Führungskräften scheint die Überlastung selbstverständlich dazu zu gehören. Entweder gibt es Stress weil Aufträge und Kunden fehlen, oder Stress, wenn die Auftragsbücher voll sind, wichtige Messen anstehen und zu wenige Mitarbeiter mit anpacken.

Da ich seit 30 Jahren selbständig bin, musste ich erst lernen, wie in der Landwirtschaft die Zyklen des Lebens einzuhalten: Der Wechsel von Sommer und Winter, Saat und Ernte gehört für mich dazu, wie die Erfahrung, dass es fette und magere Jahre gibt.

Was sind meine inneren Antreiber?

Doch die körperlichen Signale weisen mich auf ein tieferliegendes Problem hin: Meine Glaubenssätze, die mitunter seit frühester Kindheit in mir gespeichert sind. Gerade in meiner Heimat Baden-Württemberg sind die inneren Antreiber weit verbreitet. „Nett schwätze, sondern schaffe!“ ist nur einer von zahlreichen Sprüchen, die über Generationen zu immer höherer Leistung angetrieben haben. „Erst wird geschafft, dann gefeiert!“ verkörpert die Arbeitsethik meiner Großeltern, Eltern und auch meiner Generation.

Ich muss zugeben, dass ich bis heute aktiv gegen diese Sprüche angehen muss. Die  badische und schwäbische Prägung ist ein Teil meiner Identität. Genauso wie das Image der Person: Was für ein Auto fährt „man“: Einen Smart oder einen großen SUV? Doch je höher die Ansprüche, desto höher auch der Druck, entsprechend Umsatz zu generieren. Da wirkt ein dauerhafter Tinnitus mitunter wie das Tapferkeitsabzeichen einer leistungsorientierten Generation.

Muss ich wirklich dabei sein?

Doch wer nicht warten will „bis der Arzt kommt“, sollte frühzeitig die kleinen und großen Warnsignale seines Körpers registrieren und agieren, bevor es zu dauerhaften Einschränkungen kommt. Nach meiner persönlichen Erfahrung bewirkt der „Frühjahrsputz im Kalender“ einen ersten Schritt. Dahinter steht für mich die Erkenntnis, dass ich einfach nicht alles machen kann, was ich will. Ich frage mich bei Terminen: Muss ich wirklich dabei sein? 

Gerade im beruflichen Kontext teilen sich meine Frau und ich häufig auf. Wenn einer auf der Bühne steht, kann der andere in Ruhe hinter den Kulissen arbeiten.  Wichtig sind für uns die wöchentlichen und täglichen Absprachen: Wer von uns beiden welche Rolle übernimmt. Viele Aufgaben übernehmen auch die Mitarbeiter in unserem Gutshof Team und wir entscheiden selbständig, wie sie mit Kundenanfragen und alltäglichen Problemen umgehen. 

Hol alles aus dir raus! Wirklich?

In der Biografie-Arbeit sprechen Ilona und ich meist mit Menschen, die in der Lebensmitte sind. Die Jahre zwischen 40 und 50 scheinen besonders schwierig. Auf dem Höhepunkt der Karriere kommt das berufliche Finale in Sicht. Die inneren Antreiber werden lauter: „Hol alles aus dir raus!“ Viele wollen beruflich nochmals so richtig glänzen und die Karriereleiter weiter erklimmen, bevor es zu spät ist. Bloss nicht „Nein“ sagen, sonst überholen dich die Kollegen.

Privat wird der Stress von einem großen Erlebnishunger verstärkt. Am Wochenende nach Paris, zu einem Konzert nach München, runder Geburtstag bei Freunden. Paradox, aber wahr: Trotz Karrieresprung und privaten Highlights erleben viele Menschen den Tiefpunkt ihres Glücksempfindens mit 43 Jahren. Das belegt eine internationale Studie der beiden Forscher Oswald und Blanchflower. Das Gefühl von beruflichem und privatem Multitasking überfordert viele Menschen, dazu die eigene Endlichkeit. 

Eigentlich brauchen wir in dieser Phase eine Auszeit, um in aller Ruhe die Gedanken zu sortieren und die Weichen neu zu stellen. Doch genau dieses Innehalten leisten sich viele nicht, bis es irgendwann nicht mehr geht. Auch ich musste erst an meine körperlichen Grenzen kommen und spüren, wie es sich anfühlt, wenn man auf dem Zahlfleisch geht. 

Brauche ich die öffentlichen Likes?

Der digitale Zeitgeist sorgt für zusätzliche Antreiber: Bei Instagram muss das Leben perfekt gestylt sein, um möglichst viele Likes zu bekommen. Wie in der Operette „Das Land des Lächelns“ bedeutet das immer perfekt gelaunt und perfekt organisiert zu erscheinen. „Doch wie´s da drin aussieht, geht niemand was an!“

Diese ständigen Bewertungen erhöhen den Druck, dazu das Gefühl ständig erreichbar sein zu müssen. Ich persönlich bewundere Menschen, die sich dieser Digitalkultur verschließen und es sich leisten, weder bei WhatsApp noch bei Facebook zu sein. Analog zu leben führt zu innerer Gelassenheit. Ich muss nicht ständig online sein und alles mitbekommen. Wer auf die Like-Kultur verzichtet, hat mehr Zeit für persönliche Begegnungen. Statt flüchtige Bekanntschaften auf Instagram zu pflegen, kann ich mehr aufrichtige Gespräche mit Freunden und Nachbarn führen. 

Zudem habe ich mehr Zeit für meinen Partner. Ilona und ich gönnen uns jeden Mittwochabend eine persönliche Auszeit und genießen gemeinsam ein Hörbuch bei Candle-Light. Oder lesen uns gegenseitig aus einem Buch vor – wie seit einigen Wochen „Was wir von der Liebe verstehen“. Die beiden Autoren Elke Naters und Sven Lager beschreiben humorvoll, wie unterschiedlich sie in ihrer Beziehung dieselben Szenen erleben. Das gibt uns beiden aktuellen Gesprächsstoff, um über unsere eigene Ehe zu diskutieren und ermöglicht uns zudem, über unsere eigenen Schwächen auch zu lachen. 

Terminkalender: Es geht auch mit weniger

Uns beiden ist bewußt, wie wichtig dieser wöchentliche Jourfix für unsere Beziehung, aber auch für das gesundheitliche Wohlbefinden ist. Wie bei allem kommt es auf die Dosis an: Weniger digitale Außenreize, stattdessen mehr Zeit für Rückzug.

Auch das tägliche Gebet in der Kapelle entschleunigt unsere Sinne. Ich persönlich versuche, jeden Tag nach dem Mittagessen eine halbe Stunde Zeit für mich zu haben. Ich gehe schweigend eine Runde, lese einen Artikel oder mache einen Power-Nap.

Einmal im Monat plane ich eine kreative Auszeit ein: Kürzlich war ich in Kassel, um mich zwei Stunden von den Gemälden Rembrandts inspirieren zu lassen. Ich will auch mit 59 Jahren neugierig bleiben. Dabei begleitet mich das Zitat: „Wer Meister in einem Bereich ist, sollte als Lehrling neu anfangen“. Um dafür Zeit zu haben, muss ich auf manche Termine und Einladungen verzichten.

Mein Vater ist mir dabei ein Vorbild: Bis ins hohe Alter von 94 Jahren hat er sich mit neuen Technologien und Innovationen beschäftigt, um seine grauen Zellen zu trainieren. Gleichzeitig konnte ich ihn über viele Jahre beobachten, wie er auch einfach das Leben genossen hat: Da sitzen, einen Kaffee trinken, aus dem Fenster schauen. Mehr nicht. Wie als Kind will ich wieder lernen, zwischendurch einfach mal zu trödeln und zu schlendern. Scheinbar Zeit verplempern, während mein Handy passiv im Eck liegt, damit die inneren Batterien wieder aufladen können.