Wolfgang Grupp ist eine starke Personenmarke und wirkt doch wie aus der Zeit gefallen. Jetzt feiert sein schwäbisches Textilunternehmer Trigema den 100. Geburtstag und lädt dazu Helene Fischer ein. Ist das wirklich eine gute Idee oder ziemlich old-school?

Wolfgang Grupp – Foto: trigema.de

Eine schillernde und extravagante Marke

Ich habe das Gefühl: Fast jeder Deutsche kennt den “König von Burladingen”. Im Werbefernsehen hält er Hof und hat aus sich und seinem Affen ein schillerndes Markenpaket gebastelt. Wolfgang Grupp ist ein schwäbisches “Cleverle”, wie man anerkennend im Ländle diesen Typ Unternehmer beschreibt. Er weiß, dass er die Medien braucht, um seiner eher provinziell erscheinenden Marke etwas Glamour einzuhauchen.

Auf diesem Hintergrund hat der Textilkönig von der Alb die deutsche Schlagerkönigin zum Jubiläum eingeladen. Helene Fischer macht derzeit eine Auszeit, doch für Grupp macht sie eine Ausnahme und unterhält die Festgäste mit einem 90-minütigen “Privatkonzert”.

Fischer adelt den Textilkönig

Ich bin mir sicher: Ohne den Auftritt von Helene Fischer wäre das Firmenjubiläum von Wolfgang Grupp nur der Heimatzeitung von Burladingen und vielleicht noch Textilmagazinen eine Meldung wert. Doch jetzt greift die überregionale Presse und auch das Boulevard das Thema auf.

Lang und breit berichtet beispielsweise “Die Welt” über das lokale Ereignis und verschafft Grupp damit bundesweite Aufmerksamkeit. Aber auch viele andere Tageszeitungen von Norddeutschland bis Bayern berichten ausführlich darüber.

Aktuell listet Google zum Suchbegriff “Helene Fischer Trigema” 1.200 Medienberichte auf. Damit gewinnt Wolfgang Grupp erneut die Aufmerksamkeit von einem Millionen-Publikum, das ihn aus der Fernsehwerbung und den zahlreichen Trigema-Shops entlang der Autobahnen kennt.

Sprungbrett für Image-Werbung

Wolfgang Grupp nutzt die mediale Aufmerksamkeit für eine clevere Image-Kampagne: Trigema wird als letzte Bastion der deutschen Textilindustrie gefeiert. “Hier arbeiten Menschen und keine Lohnsklaven wie in Bangladesh”, betont Entwicklungsminister Gerd Müller. Grupp erscheint als Robin Hood im “Kampf gegen die Ausbeutung in der Textil- und Modeindustrie und steht für Nachhaltigkeit in der Produktion”, wie “Die Welt” berichtet.

Gerne greift die Presse die intimen Bekenntnisse des Ministers auf: Er selbst trage deswegen Unterwäsche von Trigema “Wen sonst sollte ich an meine Haut lassen?” Peinlich oder wahr? In jedem Fall eine weitere Schlagzeile wert.

YouTube https://youtu.be/x9mFj3s-xTQ

Meine Betriebsfamilie

1.500 Gäste feiern mit Wolfgang Grupp, die Mehrzahl sind Mitarbeiter von Trigema: “Meine Betriebsfamilie” nennt sie der 77jährige Chef. Mit ihnen produziert er ausschließlich in Deutschland für Kunden “die Wert auf Qualität und Anständigkeit” legen.

Das Bild des “ehrbaren Kaufmanns” passt nach meiner Beobachtung sehr gut zu Grupp, der mal schrullig, mal schillernd für Schlagzeilen sorgt. Er produziert keine Mode, sondern Anziehsachen. Im Gegensatz zur Branche auch nicht auf Anfrage, sondern auf Lager.

Besonders spannend: Wolfgang Grupp, der mit seinem weißen Hemdkragen wie aus einer vergangen Zeit erscheint, passt mit seinem nachhaltigen Konzept extrem gut zum aktuellen Zeitgeist. Während der Markt von Billigheimern wie Primar und KiK dominiert wird, setzt sich Grupp für ein Umdenken in seiner Branche ein.

Helene Fischer Trigema für Hipster?

“Wir müssen eher weniger produzieren, aber dafür verantwortungsvoll”, lautet seine Botschaft. Damit setzt der deutsche “Textilkönig” ein ungewöhnliches Benchmark. Nachhaltigkeit und Qualität zu einem fairen Preis: Trigema wurde bislang eher von Kunden aus Mittelschicht eingekauft.

Jetzt berichtet “Die Welt”, dass Trigema “allmählich auch in Hipsterkreisen ankomme: Angesichts des Klimawandels gelten regional produzierte und öfters tragbare Kleider als zunehmend schick.”

Zurück zu meiner Ausgangsfrage: Ist der Auftritt von Helene Fischer wirklich eine gute Idee oder ziemlich old-school? Nach meiner Einschätzung schafft es die populäre Schlager-Diva, dass die medialen Scheinwerfer für einige Tage ganz auf Wolfgang Grupp gerichtet werden.

Glaubwürdiger Image-Transfer

Die 100jährige Marke erlebt dadurch einen Image-Transfer und ist vermutlich auch die halbe Million Gage wert, die Grupp für ihren Auftritt bezahlt haben soll: “Ein mittlerer sechsstelliger Betrag”, wie die Presse berichtet.

Die Millionen-Reichweite durch hundertfache Medienberichte hilft dem exzentrischen Wolfgang Grupp sein Unternehmen für die nächste Generation zu schmücken. Die beiden Kinder Bonita und Wolfgang junior stehen schon bereit. Sie erben ein kerngesundes Unternehmen, das Grupp – so die Presse “seit 50 Jahren ohne Verluste führt. Deshalb spreche er schon seit 1974 nicht mehr mit den Banken.”

Ich bin gespannt, wie die beiden Nachfolger künftig das Image prägen: Vermutlich weniger schillernd und extravagant wie der Vater. Ob Nachhaltigkeit und Understatement alleine ausreichen, wird sich dann zeigen.