Seit Jahren begeistern mich die Schwarzweiß-Fotos von Peter Lindbergh. Am Wochenende war ich mit 12 Fotografen auf Norderney, um meine Hommage an ihn zu gestalten.

Einer der einflussreichsten Fotografen des 20. Jahrhunderts
Es ist ein jährliches Event: Fotografen aus ganz Deutschland treffen sich in Dortmund oder Norderney, um mit ihren Arbeiten an Peter Lindbergh zu erinnern.
Organisiert wird das Event von dem Oldenburger Fotografen Mario Dirks. Gemeinsam mit Folkert Eggen veranstaltet er auch Workshops in einer alten Maschinenhalle im Ruhrgebiet. Beide sind auf Norderney geboren und aufgewachsen und beste Freunde seit 50 Jahren.
Lindbergh wurde 1944 als Peter Brodbeck in Lissa geboren (heute Leszno, Polen), nach dem Krieg wuchs er in Duisburg auf. Seine Karriere begann als Schaufensterdekorateur, ab 1962 studierte er Kunst in Berlin und begann in den 1970er Jahren mit der Fotografie.
Peter Lindbergh war bekannt für seinen unverwechselbaren schwarzweißen Stil. Seine Bilder verbanden Eleganz mit einer dokumentarischen Ehrlichkeit. Er lehnte die übertriebene Retusche und die künstlichen Schönheitsideale der Modebranche ab — ein radikaler Standpunkt, der ihn von Zeitgenossen abhob.

Was ist typisch für Lindbergh?
Gemeinsam mit meinem Freund Jonathan bin ich in der Bahn unterwegs. Wir diskutieren bereits im Zug über Lindberghs Stil. Was ist typisch für seine Arbeiten?
Jonathan hat ein Moodboard mit seinen Arbeiten erstellt. Lindberghs Werk zelebrierte die natürliche Schönheit, aber auch Alter und Authentizität in einer Branche, die beides oft versteckt. Er fotografierte lieber am Strand, in Industriegebieten oder auf windgepeitschten Küsten als im Studio.
Meist fotografierte Peter Lindbergh Frauen: Nachdenklich – ohne großen Posen. Er versuchte sie in einem rauen, nicht geschönten Umfeld zu zeigen.

Bilder, die eine Geschichte erzählen
Als wir mit fünf Stunden Verspätung endlich die Insel erreichen, ist es bereits 22 Uhr. Zu spät für ein erstes Shooting im Abendlicht. Erst am Morgen können wir den Strand erkunden.
Mario Dirks hat einen Lieferwagen voller Requisiten mitgebracht, alle Mann packen an, um verschiedene Sets hinter dem Deich aufzubauen: Raues Holz als Hintergrund, ein schwarzes Zelt, graue Wände, die visuellen Halt vor der Küstenlinie geben sollen.
Drei Modelle werden von Folkert eingekleidet. Hannah ist im Hauptberuf Zahnärztin, Katharina arbeitet als Assistenzärztin, für Charlotte ist Modelling der Hauptberuf.
Die spannende Frage für Jonathan und mich: Wie gestalten wir Bilder, die Geschichten erzählen? Mit unterschiedlichen Requisiten inszenieren wir kleine Szenen am Strand. Dabei ist der Lauf der Sonne ein wichtiger Begleiter. Mal im Schatten mit Reflektor, mal mit einem weichen Diffusor, der harte Schlagschatten verhindert.

Das Phänomen Lindbergh
Langsam nähern wir uns dem Phänomen Lindbergh an. Entwickeln trotz Vorbild unseren ganz eigenen Stil. Der Meisterfotograf zog 1978 nach Paris. Dort erlebte er seinen Durchbruch. Seine ikonographischen Bilder von jungen Frauen wurden ab diesem Zeitpunkt auch international wahrgenommen.
In den folgenden 40 Jahren fotografierte er fast alle Supermodells. Ein Wort, das in dieser Zeit entstand. Heute hängen seine Arbeiten in vielen Museen und dokumentieren seinen authentischen Stil, der sehr stark auf Reduktion setzte. Enger Format-Ausschnitt, wenig Ablenkung, klare Bildsprache.
Auf Norderney arbeiten wir mit schwarzen Kleidern, für eine Szene mit weißen Blusen. Licht und Schatten, sichtbare Kontraste. Das Framing spielt eine wichtige Rolle: Was zeige ich als Fotograf, was lasse ich bewußt weg?

Rauer Wind, diffuser Himmel
Am dritten Tag herrscht ein rauer Wind. Es hat sich merklich abgekühlt. Die Dünen von Norderney erinnern bei dem grauen Himmel an eine schottische Landschaft.
Ich persönlich finde diesen Wetterwechsel sehr spannend, auch Lindbergh hat an der Nordseeküste windige, graue, menschenleere Strände geliebt.
In seinen Bildern nutzte er Grau als Stimmung. Nebel und Dunst sind willkommene Elemente. Lindbergh mied das mediterrane Licht, er suchte stattdessen das Diffuse und Melancholische.
Im Ruhrgebiet hat er seine Modelle in Haute Couture vor Industriekulissen fotografiert. Dieser Bruch war gewollt und auch Lindberghs Markenzeichen.

Menschliche Würde im rauen Umfeld
Am Sonntagabend sitzen Jonathan und ich noch lange Zeit zusammen, um unsere Bilder zu diskutieren. Jeder von uns hat seine ganz persönliche Hommage an Peter Lindbergh fotografiert. Subjektiv, authentisch mit einer eigenen Bildsprache.
Bei Lindbergh ging es nicht um Perfektion, manche Bilder von ihm sind unscharf, manche leicht verwackelt. Sie zeigen keine Idylle, sondern Charakterstärke. Wir suchen auch in unseren Motiven nach dem Unperfekten, den Brüchen.
Durch das Weglassen von Farbe wirken die Bilder noch stärker. Glücklich fahren wir am vierten Tag wieder zurück. Von Lindbergh gibt es den kleinen Bildband „Untold Stories“. Ich bin überzeugt, dass noch viele weitere Fotografen mit ihren Arbeiten Lindberghs Geschichte weiterschreiben.