Durch Zufall bin ich auf das neue Buch von Gisa Klönne gestoßen: Eine Schriftsteller-Kollegin aus Köln, die ich bislang nicht kannte. „Die Liebe, später“ ist ein feinsinniges Buch für Menschen in der Lebensmitte. Sehr poetisch und lebensklug.

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Wenn das ganze Leben infrage steht

Selten hat mich eine Lebensgeschichte so berührt wie dieser neue Roman. Die beiden Hauptfiguren sind seit 20 Jahren glücklich verheiratet. Kora ist erfolgreiche Journalistin. Anselm arbeitet als Biologe, der Woche für Woche von Köln nach Berlin pendelt.

Nach einer Herz-Operation findet Kora nicht mehr zurück in ihr Leben. Ihr Beruf, ihr Alltag, ihre Ehe – alles steht plötzlich infrage. Anselm wiederum hat die Rente eingereicht. Er will seinen alten Traum umsetzen: einen Libellenteich im Garten.

Bereits nach wenigen Sätzen zieht mich die Geschichte von Gisa Klönne in ihren Bann: „Luftschlösser haben sie gebaut. Träumende sind sie gewesen. Wortjagende.“ Die Autorin ist eine sehr gute Beobachterin, die ihre Generation sehr genau studiert hat.

Frei, Freisein, Freiheit

Gisa Klönne beschreibt die Sehnsucht der Babyboomer: „Frei, Freisein, Freiheit.“ Sie entwirft Szenen, die das Lebensgefühl illustrieren: „Feuer haben sie geliebt. Das Knistern, den Holzrauchgeruch, das Züngeln, Lodern, Glimmen. Glühen der Scheite. Die Hitze. Die Romantik, zusammen ins Feuer zu gucken, sich zu wärmen.“

Doch da sind auch die Abgründe, vor denen Kora und Anselm stehen: Die ungelebten Träume, die offenen Rechnungen der Vergangenheit und das viele Unausgesprochene.

„Ich weiß nicht mehr, wer ich bin“, gesteht Cora. „Wer ich sein möchte und sein kann. Wie leben. … Womöglich ihr ehrlichster Satz seit Langem.“

Die Geschichte von Philemon und Baucis

Gisa Klönne beschreibt zwei tiefe Lebenskrisen, die eintreten können, wenn das aktive Berufsleben zu Ende geht. Die großen Lebensfragen, die gestellt werden, sobald zuviel Zeit und Raum vorhanden ist und Leere entsteht.

„Philemon und Baucis. Vielleicht sind sie auf dem Weg, das zu werden: zwei Alte, die abends gemeinsam zu Bett gehen und morgens als Erstes Tabletten einnehmen, damit es noch ein bisschen weitergeht mit ihnen. … Der einzige Haken, dass sie sich für diese Lebensphase noch zu jung fühlt.“

Die Kölner Schriftstellerin beschreibt sehr poetisch, was in etlichen Menschen jenseits der Sechzig vorgeht. Sie findet sehr berührende Worte für die großen Sinnfragen, die sich in diesem Altersabschnitt ergeben. Neben der Herzenswärme ihrer Figuren bietet sie dem Leser auch eine große Portion Humor.

Lauter ergraute Babyboomer

Parallel zu dem Traum vom Libellen-Teich, der sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht, gibt es auch die Jungsenioren, die „locker hunderttausend Euro“ in ihrem Traum von einem Wohnmobil reinstecken wollen. „Das ist nicht mein Traum, sondern seiner.“

Klöne kommentiert diese Versuche mit einem lakonischen Satz: „Lauter ergraute Babyboomer, die nachholen wollen, was sie in der Jugend nur geträumt, nicht geschafft oder gewagt und also verpasst haben.“

Doch was Cora umtreibt sind auch die Lügen, mit denen sie sich selbst und auch ihrem Mann etwas vormacht: „dass sie ihm verschweigt, dass sie eigentlich gehen will, ihn verlassen, in Zukunft allein leben. Nein, stopp, dass ist Irrsinn, das stimmt nicht.“

Dieser Satz auf Seite 127 ist der Wendepunkt des Buches, der alles zuvor beschriebene auf den Kopf stellt und der weiteren Geschichte einen Drall versetzt – mit offenem Ende.

Die Auseinandersetzung mit dem Tod

Gisa Klöne hat in ihrem neuen Roman auch ihre eigene Herzoperation verarbeitet. „Orionzeit“ nennt sie diese intimen Erfahrungsberichte. Sie beschreibt ihre inneren Kämpfe, die Gefühle, die wie auf einer Achterbahn steile Kurven drehen.

Doch der größte Schatz dieses Buches ist die Auseinandersetzung mit dem Tod: „Wenn sie stirbt, sterben mit ihr die Erinnerungen an alles, was sie je erlebt hat. Auch die Erinnerungen an die Menschen, mit denen sie gelebt und gearbeitet, die sie geliebt, bewundert, verlassen, um die sie geweint und gebangt hat.“

„Die Liebe, später“ ist ein außergewöhnlicher Roman, der tiefe Schichten meiner Identität berührt und viele Fragen aufgeworfen hat. Er ist mein Buchtipp des Jahres.

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