Im Medienbusiness ist gerade sehr viel im Umbruch. Die politische Brandmauer, die bei ARD und ZDF noch steht, ist dort längst aufgebrochen. Manche Akteure wagen dabei neue mediale Mutproben.

Screenshot: Der Podcaster Benjamin Berndt von “Ben Ungeskriptet” auf YouTube

Die Schmuddelkinder der Demokratie

“Spiel nicht mit Schmuddelkindern” war 1965 ein Protestsong von Franz Josef Degenhardt. Später wurde er in die “Mundorgel” aufgenommen und damit zunehmend Volksgut. Auch nach 60 Jahren hat der Song nicht an Aktualität verloren, wenn es um die Brandmauer in Medien und Politik geht.

Seit Corona gibt es mediale Rebellen, die sich nicht an die öffentlich-rechtliche Konventionen halten. Sie haben alternative Medien aufgebaut, mit eigenen Regeln, eigenen Themen und eigenen Gästen. Die Grenzen zwischen Verschwörungserzählung und Bürgerprotest sind fließend.

Das macht die Szene unübersichtlich, sie ist für viele aber auch faszinierend. Ein mediales Darknet, in dem sich eine Vielfalt von Akteuren tummelt, die bei Markus Lanz nie auftreten dürften. Gleichzeitig gibt es für diese alternativen Angebote einen immer größeren werdenden Markt.

Interview mit großer Reichweite

Nun hat in den letzten Tagen ein Video die Runde gemacht, das die Stammtische und Grillabende auch in der bürgerlichen Mitte bewegt. Das Interview mit Björn Höcke. Ich habe in wenigen Tagen gleich mehrfach die Frage gehört: Hast du das gesehen? Über 5 Mio Zuschauer bei YouTube. Viele fragen sich: Wie kommt es zu diesen hohen Klickzahlen?

Einer berichtet stolz, dass er sich die 4,5 Stunden an mehreren Abenden reingezogen habe. Zwei andere erzählen, so schlimm sei es gar nicht. Es klingt, als handle es sich um eine Ekelprüfung im RTL Dschungelcamp. Eine mediale Mutprobe.

Als langjähriger Journalist höre ich bei solchen Erzählungen sehr genau zu. Was ist das Motiv dieser fünf Millionen? Warum interessieren sie sich für so ein überlanges Format?

Gleichzeit frage ich mich: Was geschieht mit der so genannten Brandmauer im Bundestag und in der Tagesschau. Wie lange wird sie noch halten? Ich muss offen zugeben: Ich halte die mediale Ausgrenzung schon seit einigen Jahren für Unfug. Was seit Corona fehlt ist ein gesellschaftlicher Diskurs, in dem unterschiedliche Meinung offen diskutiert werden.

Große Teile der Mitte fehlen

Es gibt politische Gründe, manchen Akteueren keine Plattform, keine Sendezeit einzuräumen. Ich kann auch manche Argumente nachvollziehen, warum die etablieren Parteien mit den Mitbewerbern am Rand keine gemeinsame Koalitionen eingehen wollen.

Doch nach meiner Einschätzung wird die Brandmauer im Parlament nicht halten – ganz egal, ob sie sinnvoll sei oder nicht. Das Hauptproblem: Wir haben eine gravierende Repräsentationslücke im Bundestag und in den Medien. Große Teile der Mitte fehlen.

Millionen von Bürgern werden mit ihren Berufen und Interessen gar nicht oder nur unzureichend berücksichtigt. Das liegt zum einen am hohen Anteil von Beamten, die als Mandatsträger aufgestellt und gewählt wurden: Lehrer, Juristen, Polizisten, Berufspolitiker, die alle wieder in den Staatsdienst zurückkönnen, wenn sie nicht mehr gewählt werden.

Die Repräsentationslücke im Parlament und Medien

Stark unterrepräsentiert sind Arbeiter und Facharbeiter, Handwerker, Lageristen, Produktionsarbeiter. Es fehlen die Pflegeberufe – Krankenpfleger, Altenpfleger; die trotz gesellschaftlicher Relevanz kaum präsent sind. Es fehlen Abgeordnete aus Einzelhandel und Gastronomie – Verkäuferinnen, Köche, Servicepersonal, aber auch aus der Logistik: LKW-Fahrer und Paketzusteller. Die Reinigungsbranche – eine der größten Niedriglohnsektoren – kommt so gut wie gar nicht vor.

Nahezu gar nicht vertreten sind Landwirte in der praktischen Feldarbeit: Es gibt Abgeordnete mit Agrarhintergrund, aber kaum aktive Bauern, die noch selbst die Ernte einbringen. Es fehlen Soloselbstständige in Kreativberufen – Grafiker, Musiker, freie Künstler.

Zum anderen an fehlenden Parteien, die sich für aktiv für den Mittelstand einsetzen. Die sogenannten KMUs, bei denen 60 Prozent der Beschäftigten in Deutschland arbeiten. Wer vertritt die Interessen der Handwerker, der Einzelhändler, die sich nach weniger staatlicher Regulierung und mehr Entscheidungsfreiheit sehnen, nachdem die FDP abgewählt wurde.

Etliche Probleme werden nicht diskutiert

Leider kommen ihre Fragen und Probleme in den Medien kaum oder wenig vor. Wirtschaftssendungen wie WISO im ZDF behandeln nicht ihre Perspektive, sondern fokussieren sich auf Verbraucherfragen.

Diese gravierende Repräsentationslücke im Parlament und in den Medien sorgt nach meiner Ansicht dafür, dass sich Millionen von Menschen nicht gesehen, nicht gehört fühlen. In ihrem Frust sind sie offen für alternative Parteien und für alternative Medienangebote. Bei den nächsten Landtagswahlen werden wir sehen, wie sich die mediale und politische Lücke im Wahlverhalten auswirkt.

Damit bin ich wieder bei den 5 Mio. Klicks für das 3 Stunden Interview mit Björn Höcke auf YouTube und den anschließenden Diskussionen beim Grillabend oder auf dem Fußballplatz.

Wo trete ich auf und wo nicht?

Die entscheidende Frage für mich als Medienberater: Wo trete ich als Unternehmer, als Selbständiger auf und wo nicht? Es geht bei dieser Frage nicht nur um Brandmauer, sondern auch um Reputation.

Der katholische Influencer Dr. Johannes Hartl war vor einigen Wochen zum Interview bei NIUS. In den sozialen Netzwerken gab es zum Teil heftige Diskussionen. Doch Hartl hat genügend Standing und eigene Reichweite, dass er mit der Kritik souverän umging. Bereits Monate vor Björn Höcke war er auch bei Ben Ungeskriptet und hat eine halbe Mio. Zuschauer erreicht.

Interessant finde ich die Positionierung des Podcast: Unzensiert und ungeschnitten. Das klingt erst einmal gut, weil es das Bedürfnis vieler Menschen widerspiegelt. Das scheint authentisch, nicht inszeniert. Kein 90 Sekunden Ausschnitt wie in der Tagesschau, sondern in voller Länge. Wobei die Behauptung “ungeschnitten” – das muss ich in aller Deutlichkeit sagen – natürlich eine Illusion ist.

Auch Bens Podcast ist inszeniert: Licht, Deko, das ganze Setup ist eine mediale Show. Selbstverständlich ist jede Folge geschnitten. Das sieht man bereits am Intro, bei dem die Highlights aus dem Interview angeteasert werden, dazu inszenierte Grafiken. Mediale Zuspitzungen, um die Zuschauer ins Programm zu ziehen. Auch die Fragen sind wie bei jedem Interviewer subjektiv.

Die Zuschauer wünschen sich Orientierung

Doch das Konzept funktioniert, weil es keine Scheu gibt, Gäste einzuladen, die woanders nicht auftreten dürfen. Natürlich ist das auch ein Mythos: “Stimmen aus dem Untergrund”, Akteuere, die woanders “Sprech- oder Auftrittsverbot” haben. Das unterstützt den Hype, der Kanal sei ein Geheimtipp und funktioniert.

Eine Kollegin, die seit vielen Jahren für das Fernsehen arbeitet, bemerkt zu Recht: Der Erfolg der alternativen Medien zeigt, dass Menschen sich Orientierung wünschen. Früher gab es diese Orientierung bei Institutionen wie die Kirche und auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Jetzt immer weniger.

Wir leben in bewegten Zeiten – in jeder Hinsicht. ARD und ZDF werden sich in den nächsten Monaten noch deutlich wandeln. Meine Befürchtung: Ab der Wahl in Sachsen-Anhalt wird auch die Brandmauer fallen – ob wir es wollen oder nicht.