Steffen Böttcher fotografiert die Mächtigen der Welt. Sein Job: Komplexe Sachverhalte in der Politik in schnell erfassbare Bilder für Social Media verpacken. Fotos, die in Sekundenbruchteilten verstanden werden.

Wie zeige ich den Charakter eines Menschen?
Ich habe Steffen im August 2017 kennengelernt. Nach 20 Jahren fotografischer Pause habe ich bei ihm ein Einzelcoaching für Portraitfotografie gebucht.
Bei ihm zuhause haben wir über die Frage diskutiert, was ein gutes Bild ausmacht. Steffen empfahl mir, zuerst eine Stunde mit dem Menschen zu verbringen, bevor ich meine Kamera aus der Tasche hole.
Sein Tipp: Beobachte genau die Persönlichkeit, höre gut zu. Versuche dabei eine Idee zu entwickeln, wie du den Charakter in einem einzigen Bild visualisieren willst. Dieser gemeinsame Coachingtag war ein wichtiger Meilenstein für meine eigenen Fotos.

Fotograf der Münchener Sicherheitskonferenz
Steffen Böttcher ist einer der Fotografen, die das Treffen der Regierungschef aus aller Welt dokumentieren: “Die Sicherheitskonferenz hat einen Pool von 20 Fotografen, die für die Konferenz fotografieren – mit eigenen Editoren im Keller, die sofort die Bilder sichten, bearbeiten und veröffentlichen.”
Steffen Böttcher liebt die schnelle Aktion: “Die Aufträge kriegen wir auf der Münchener Sicherheitskonferenz über eine spezielle App. Wenn sich zwei Außenminister treffen oder zwei Generäle bekomme ich die Nachricht: Jetzt Raum x – da musst du hin und liefern.”
Ich frage ihn nach seinem Selbstverständnis als Fotograf: “Viele Fotos sind protokollarischer Natur, sie dokumentieren die Zeitgeschichte, werden mitunter erst Jahre später veröffentlicht.”

Symbolbild für den Bruch zwischen USA und Europa
Wir sprechen über die Rede des amerikanischen Vizepräsidenten im letzten Jahr: “Was glaubst du wie wichtig, dieses Bild von Vance ist? Es ist das Symbolbild für den Ost-West-Bruch zwischen USA und Europa.”
Steffen Böttcher erzählt seine Beobachtung vor Ort: “Vance hat damals nur kurz mit dem Kanzler gesprochen, aber 30 Min mit Alice Weidel. Wir wissen heute nicht, welche Rolle sie noch in der Politik bekommt und vielleicht gewinnt dadurch das Bild im Nachhinein noch an Bedeutung.”
Wir sprechen über ein Foto, das den Vietnam Krieg beendet hat: “Das Bild des verbrannten Mädchens war der visuelle Wendepunkt des Krieges”, erklärt Böttcher.

Wie wird man Politiker-Fotograf?
Als ich Steffen Böttcher kennenlernte, war er als Fashion- und Hochzeitsfotograf tätig. “Ich habe alles fotografiert – außer Politik. Das war in der Szene nicht anerkannt. Ich habe damals sogar mal einen kleinen Shitstorm aus dem Kulturbetrieb bekommen.
Ach Gott Hochzeiten – das ist doch keine Fotografie. Und Politik? Das ist der Teufel!”
“Aber nichts ist Zufall”, erklärt er mit einem Schmunzeln: “Vor 15 Jahren habe ich bei einer Hochzeit neben einem angehenden Politiker gesessen. Ich habe ihm gesagt, wie schrecklich ich die Politikerfotos auf den Wahlplakaten finde.”
Jahre später erinnert sich Paul Ziemiak an Böttcher, als er Berufspolitiker und später Generalsekretär der CDU unter Kramp-Karrenbauer wird. “Ich habe damals die Arbeit als Fotograf in politischen Betrieb lieben gelernt. Und natürlich lernt man dann auch andere Politiker kennen. Man wird weitergereicht und vergrößert den Stamm derer, die immer wieder auf dich zurückgreifen.”

Fotos bei der Olympiade
Mittlerweile ist er als Fotograf auch für einige Ministerpräsidenten tätig: “Wenn man über die Jahre für die CDU fotografiert, werden Anfragen anderer Parteien zur Ausnahme” Kürzlich war er mit Henrik Wüst zwei Tage in Mailand, um Fotos bei der Olympia zu machen.
Ich frage Steffen Böttcher, welche Bedeutung die fotografische Begleitung für den Ministerpräsidenten hat? “NRW bewirbt sich für die Ausrichtung der Olympiade. Deshalb hat sich Wüst mit Sportlern getroffen. Er wollte im Vorfeld wissen: Was könnte NRW anders oder besser machen als Mailand? Um die Chancen von NRW zu erhöhen.”
Er zeigt mir einige Bilder aus dem Wahlkampf, bei dem er Markus Söder durch Bayern begleitet. “Mitunter ist es im ersten Moment nicht immer ganz genau nachvollziehbar warum ich als Fotograf gebucht werden. Ich frage mich dann: Wofür ist das wichtig? Oft erklärt sich es dann im Nachhinein. Hier habe ich über die Jahre viel gelernt. Vor allem eines: Als Fotograf musste ich lernen, dein Ego draußen zu lassen. Es geht nicht um dich, sondern darum was passiert. Du hältst es nur in Bildern fest.”
Steffen Böttcher erzählt mir von den Bildern, die nach seiner Ansicht erstklassig sind, aber nie veröffentlicht werden. “Weil es tausend Gründe gibt. Manches sind sie nur wichtig für die eigene Chronik, manchmal passen sie nicht in den Gesamtkontext. Und manchmal bekommen sie erst später Relevanz.”

Wenn ich fotografiere bin ich glücklich
Er berichtet von den Fotografen des Bundespresseamtes, die den Kanzler und den Bundespräsident bei allen Terminen begleiten: “Davon werden 10 Prozent veröffentlicht, der Rest landet im Archiv der Zeitgeschichte.”
Nach einer kurzen Pause sagt er grinsend: “Mitunter werden nur die langweiligen Fotos veröffentlicht, aber nicht die künstlerische wertvollen. Das ist manchmal frustrierend aber so ist das eben.”
Ich frage ihn nach seinem Leitspruch, den er auch bei Instagram gepostet hat: “Wenn ich fotografiere bin ich glücklich”. Steffen erzählt, wie gerne er bei diesen Ereignissen dabei ist. “Den Segler macht das Segeln glücklich, nicht das Ankommen. So ist es auch bei mir.”
Nach etlichen Jahren mit verschiedenen Ministerpräsidenten hat sich sein Bild von politischer Arbeit durchaus verändert. “Politik ist harte Arbeit. Wir sehen davon oft nur ein Bruchteil. In meiner Arbeit geht es darum die Arbeit von Politikern und deren Botschaften zu visualisieren.”

Fotos in Echtzeit
Bei Böttchers Arbeit kommt es auf die Schnelligkeit an: “Vor 10 Jahren hätte ich gesagt, ich brauche noch einen halben Tag zur Nachbereitung. Heute sind es nur noch 10 Minuten.” Beim Termin lädt er die Fotos direkt über eigenes Modem auf ipad, auf dem sie sofort bearbeitet werden. Er markiert sie mit den richtigen Tags. Das alles läuft im Laufen von einem Termin zum nächsten.
Ich frage ihn, warum Social Media so wichtig geworden ist? “Über die sozialen Netzwerke erarbeitet jeder Politiker eine Form von Vertrauen. Erklärt was und warum er etwas macht. Das ist doch eigentlich eine gute Sache. Die Leute können die politische Arbeit unmittelbar beobachten und kommentieren, Gefallen äußern oder auch mal Kritik. Wir sollten dankbar sein, dass das möglich ist..
Markus Söder hat eine große Reichweite. Sein Instagram Account erreicht knapp 800.000 Follower. Sein Team postet mehrmals am Tag, was er als Politiker tut.
Böttcher erklärt, wie er als Fotograf Bilder gestaltet. “Wir haben in unserem Wahrnehmungsprozess eine intrinsische Reaktion auf bestimmte visuelle Reize und lassen uns von diesen Reaktionen leiten. Macht eine Person beispielsweise einen aufgeräumten Eindruck, attestieren wir ihr auch ein aufgeräumtes Handeln. Ich sehe meine Aufgabe vor allem darin, dies so zu visualisieren, dass dem Betrachter die intrinsische Reaktion nicht schwer fällt.

Reduktion der Farben und Linien
Er zeigt mir ein Bild vom letzten Parteitag: “Ein Bild ist gut, wenn man nichts mehr weglassen kann. Es geht dabei um eine Reduktion der Farben und der Linien. In 3 Sekunden muss bei den Betrachtern die Botschaft ankommen.”
Steffen Böttcher erklärt, wie “aufgeräumte, saubere Bilder entstehen, die schnell erfassbar sind. Je mehr Farben, je mehr Elemente in einem Foto vorhanden sind, desto länger brauchen wir, um die Bildinformation zu erfassen. In unserer schnelllebigen Zeit haben wir dafür jedoch kaum noch Zeit. Fotos dieser Art werden schnell übersehen. Deshalb versuche ich, Farben und Elemente im Foto durch die Wahl der Perspektive immer zu reduzieren. Es gibt eine ganze Reihe von Kompositionsregeln, die den Wahrnehmungsprozess beim Betrachter beschleunigen können. Dies in einer Reportage blitzschnell anzuwenden, ist die eigentliche Kunst.”

Selenskis Füße
Wir sprechen über ein kurzes Video, das er als Story gepostet hat. Darauf sieht man zuerst im ersten Moment nur Selenskis Füße. “Dahinter steckt weder eine geheime Botschaft noch irgendwas anderes. Eigentlich will ich damit hin und wieder nur meine Arbeitsbedingungen zeigen: Man sieht ja immer nur das Ergebnis, aber recht selten, wie es entstanden ist. In diesem Falle saß ich halt unterm Tisch und hinter mir sitzen 50 andere Fotografen, ich sitze auf dem Boden unter dem Tisch, bin ganz nah an ihm. Aber ich muss meine Kamera ganz hoch halten, um sein überhaupt fotografieren zu können.”
Zum Schluss möchte ich wissen, wie viel Zeit er für den Austausch mit den Politikern hat, die er fotografisch begleitet: “Das passiert durchaus aber eher selten, dass man ins Gespräch kommt. Die Termine der Spitzenpolitiker sind vollgeladen, dazwischen muss er sich vorbereiten. Ich spreche eher mit dem Protokoll oder den Sicherheitsbeamten. Sie kennen meine Rolle. Deshalb darf ich mich als Beobachter öfter frei bewegen.”
In den nächsten 6 Monaten wird er Sven Schulze in Sachsen-Anhalt im Wahlkampf begleiten. Ab April hat er sich eine Zweitwohnung in der Nähe des Landtags von Magdeburg gemietet, um jederzeit abrufbereit zu sein. “Die Wahl in Sachsen-Anhalt hat so viel Symbolkraft. In meinem Beruf geht es nicht um Kunst, sondern darum wirkmächtige Bilder, die Botschaften transportieren.”