In den goldenen Zeiten zwischen 1970 und 1990 kauften 1,5 Millionen Jugendliche die Bravo – Ein Highlight war für viele Leser die „Sprechstunde mit Dr. Sommer“. In dieser Woche habe ich die Schweizer Bestseller-Autorin Dr. Debora Sommer über Hochsensibilität und Selbstannahme interviewt.

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Wie hochsensible Menschen ticken

Manche Menschen nehmen die Welt intensiver wahr als andere. Sie hören das leise Summen der Neonröhre, spüren die Anspannung im Raum, bevor jemand ein Wort sagt, und brauchen nach einem vollen Tag mehr Rückzug als ihr Umfeld. Die amerikanische Psychologin Elaine Aron hat dafür in den 1990er-Jahren den Begriff „Hochsensibilität“ geprägt; in der Forschung spricht man von „Sensory Processing Sensitivity“, einer besonders tiefen Verarbeitung von Sinnesreizen und Eindrücken.

Hochsensibilität ist keine Krankheit und keine Diagnose, sondern ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal. Fachleute schätzen, dass etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen hochsensibel sind, neuere Studien gehen sogar von bis zu 30 Prozent aus. Männer und Frauen sind gleichermaßen vertreten. Ich selbst weiß seit 15 Jahren, dass ich hochsensibel bin.

Das Merkmal bringt beides mit sich: eine feine Wahrnehmung, Empathie und Gespür für Zwischentöne, aber auch die Gefahr, schnell überreizt zu sein. Viele Hochsensible erleben über Jahre das Gefühl, „falsch“ zu sein. Genau darüber habe ich mit der Autorin und Beraterin Debora Sommer gesprochen. In ihrem Buch „Mit allen Sinnen auf Empfang“ beleuchtet sie Hochsensibilität und erzählt offen von ihrem eigenen Weg.

„Ich bin falsch“: Wie Selbstannahme gelingt

Frau Dr. Sommer, was war der Auslöser für Ihr Buch?

Der Verlag hatte angefragt, ob ich zuerst ein Buch über Introversion und dann ein zweites Buch über Hochsensibilität schreiben könnte. Darüber habe ich mich sehr gefreut, weil ich beide Themen so wichtig finde.

Natürlich ist auch mein ganzer persönlicher Weg mit eingeflossen, mein Prozess der letzten Jahre. Ich bin selbst Theologin und verstecke meinen Glauben auch nie.

Dennoch gab es bei mir den Gedanken: Ich bin falsch. Dieses Vergleichen mit anderen und das Gefühl, nicht mithalten zu können, auch wenn das nach außen vielleicht niemand gemerkt hat. Du denkst: Für andere sind die Dinge so einfach. Und in dir drin diese hohe Komplexität. Das hat mich innerlich sehr gelähmt und, ohne dass ich mit jemandem darüber gesprochen hätte, zu dem Schluss gebracht: Ich bin falsch, wie ich bin.

Wo war in Ihrer eigenen Biografie die größte Hürde, die hohe Sensibilität anzunehmen?

Wenn das zu einem Glaubenssatz wird, geschehen natürlich Dinge, die das im Außen noch bestätigen. Vielleicht sagt dir jemand: Du solltest halt mehr so und so sein. Und sofort denkst du: Siehst du, bei mir ist das falsch. Dieses Gefühl, minderwertig zu sein oder nicht gleich stark, hat mich sehr blockiert, auch in unserer Ehe.

Als ich meinen Mann Rolf kennenlernte, war er ein selbstbewusster Mann mit klaren Vorstellungen in allem. Auch er hat lange gedacht, dass ich das Problem bin, und ich habe ihm das lange geglaubt. Aber ich wusste nicht, wie ich aus meiner Haut kann, und das hat mich sehr verzweifeln lassen.

Das erlebe ich bei vielen Menschen, mit denen ich jetzt unterwegs bin: Solange diese Selbstablehnung, aus welchen Gründen auch immer, so dominant ist, ist es schwer, an den Punkt zu kommen, dass du heil wirst von diesem Gedanken: Ich bin falsch, ich genüge nicht, ich bin nicht gut, wie ich bin. Das ist wie ein immenses Hindernis, das sich vor dir aufbäumt und über das man kaum hinwegkommt.

Gab es in diesem Prozess der Annahme eine Schlüssel-Situation?

Es war eher ein längerer Prozess als ein einzelner Schlüsselmoment. Angefangen hat meine Geschichte mit dem Thema Hochsensibilität eher zufällig bei einer Tagung. Ich stand damals im Türrahmen und wusste plötzlich:  All das, was die sagen, trifft auch auf mich zu.

Aber ich hatte überhaupt keine Lust, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich dachte: Bitte nicht noch ein Label mehr, noch mehr, was an mir schwierig ist. Über Jahre habe ich mir eingeredet, dass das Thema, wenn überhaupt, nur mich selbst betrifft. Und irgendwann, wenn ich mal Zeit habe, dann vielleicht.

Dann haben wir zwei Kinder bekommen. Unser Sohn ist auch ein sehr sensibler Junge. Ich habe gemerkt, dass er sehr aneckt und sehr viel leidet. Vieles wusste ich damals noch nicht. Ich habe immer versucht, ihm zu sagen: Du bist so wundervoll. Und gleichzeitig habe ich gespürt, dass ich überhaupt nicht glaubwürdig bin, weil ich mich selbst komplett ablehne.

Dann kam noch eine gesundheitliche Situation dazu, und da war ich wirklich am Ende. Ich hatte das Gefühl, gar keine Kraft mehr zu haben. Vor einer Operation hatte ich noch irgendwo das Buch von Brigitte Schorr über hochsensible Mütter gesehen. Als ich aus dem Krankenhaus zurückkam, war es inzwischen angekommen. Ich habe es gelesen, und es hat mich zutiefst aufgewühlt.

Leben mit einer Lüge

Rückblickend war das der Durchbruch, weil ich mir ganz ehrlich eingestehen musste: Es war eine jahrelange Lüge, dass das Thema nur mich betrifft. Es betrifft alles: meine Ehe, meine Rolle als Mama, als Tochter, als Freundin. Jeden Lebensbereich, weil es ein Teil von mir ist. Ich musste erst noch einmal an einen Tiefpunkt kommen, um bereit zu sein, das anzugehen. Ich bin unglaublich dankbar, dass ich das dort sehen durfte.

Ich wollte es loswerden, verdrängen. Ich habe gefragt: Wie kriege ich das weg? Dadurch habe ich umso mehr gelitten, weil ich noch nicht verstanden hatte, dass es ein Teil ist, den ich integrieren darf, weil er zu mir gehört. Dann kommt Frieden: wenn ich mit mir arbeite und nicht mehr gegen mich. Das war für mich der große Durchbruch.

Hochsensible Männer verwenden auch das Wort „wahrnehmungsstark“

Meist sage ich „hochsensibel“, weil dann klar ist, wovon ich spreche. Aber ich mag den Begriff sehr, denn es ist wirklich eine Wahrnehmungsgabe. Er ist nur etwas diffuser, und nicht jeder weiß genau, ob man jetzt davon spricht oder etwa von Neurosensitivität, die eher das Geschehen im Körper beschreibt, weil es die Nerven betrifft.

Man muss sich heute bewusst sein: Wo der ganze Topf der Neurodiversität so weit offen ist, fallen auch andere Dinge in dieses Spektrum, wenn man einfach von einer Wahrnehmungsgabe spricht. Deshalb ist es komplexer geworden. Einerseits finde ich es schön, dass sich Themen verbinden. Trotzdem mag ich es nicht, wenn man alles undifferenziert in einen Topf wirft, denn das hilft niemandem. Letztlich löst es oft mehr Schmerz und Verwirrung aus.

Soll sich ein Mitarbeiter in der Firma als hochsensibel erklären?

Meist rate ich dazu, zuerst selbst einen gewissen Heilungsweg zu gehen, damit die Erklärung nicht wie eine Entschuldigung klingt. Es ist mir ein Herzensanliegen, dass wir diese Persönlichkeitsmerkmale nicht als Festlegung verstehen im Sinne von „Es ist halt einfach so“. Man muss unterscheiden: Wo gibt es Bereiche, an denen wir arbeiten können, und was ist wirklich Grundschaltung? Andererseits sollte es keine Pauschalentschuldigung werden: „Du weißt doch, ich bin sensibel“, und man trägt das wie ein Schild vor sich her.

Wenn man einen guten Weg findet und erkennt, dass diese Persönlichkeitsmerkmale nicht nur Last sind, sondern auch ein enormes Potenzial, dann kann man mit gestärktem Rückgrat kommunizieren.

Offene Worte im Mitarbeitergespräch

Wenn dich zum Beispiel als hochsensible Person ein Großraumbüro ständig ablenkt und du gar nicht einbringen kannst, was du könntest, dann finde ich es wichtig, das in einem Mitarbeitergespräch ehrlich anzusprechen: Ich habe über mich gelernt, das gehört zu mir, und das bedeutet Folgendes. Dann kann man auch erwähnen, wo es eine Stärke ist, die das Unternehmen bereichert.

Je nach Reaktion kann man dann auch überlegen: Gehöre ich überhaupt noch hierhin? Es ist schön zu merken, dass das Gegenüber ein Interesse daran hat, dass ich mein Potenzial einbringe. Ich erlebe auch ganz tolle Dinge: Man hat Angst, es anzusprechen, und rennt dann offene Türen ein, manchmal sogar mit einem Aha-Erlebnis beim Gegenüber.

Ich rate aber, herauszuspüren, wann es dran ist. Nicht jeder muss es wissen, und wer es nicht in jeder Situation sagt, vermeidet manche ungute Situation. Wenn du selbst deinen Weg gehst und das Thema mit der Zeit zur Sprache kommt, gibt es oft ein großes Aha, und man löst viele Vorurteile auf, die andere mit diesem Persönlichkeitsmerkmal verbinden.

Vielen Dank für dieses Interview.

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