Was ist uns noch heilig? Wovor haben wir noch Respekt? Diese beiden Fragen beschäftigen mich seit einigen Wochen. Ausgelöst wurden sie durch ein KI Bild und den Besuch in einem heiligen Raum.

Geheiligte Orte
Vor zwei Wochen war ich zu einer Konferenz in Augsburg eingeladen, um einen Vortrag über Männerfreundschaft zu halten. In einer Pause führte mich der Gastgeber Dr. Johannes Hartl über die Straße und zeigte mir das Gebetshaus, in dem 24 Stunden am Tag gebetet wird.
Er führte mich in einen hohen Raum, der innen schwarz ausgekleidet war: Das Oratorium. Innerhalb von Sekunden war aller Lärm, alle Unruhe verschwunden. Mich überkam eine große Ehrfurcht. Ich spürte: Das ist ein heiliger Ort, der Respekt und Achtung einfordert.
Noch heute wirkt der Eindruck tief in mir nach. Mir wurde bewusst: Es gibt immer noch das Heilige. Doch es braucht Aufmerksamkeit und auch Respekt, um es wahrzunehmen.
Profanisierung des Heiligen
Vor vier Wochen veröffentlichte Donald Trump ein KI Bild von sich als Heiler. Der Präsident als Messias löste große Kritik aus und wurde bereits am nächsten Tag wieder gelöscht. Bereits zuvor hatte er sich als Papst inszeniert.
Nun könnte man dies als narzisstische Entgleisung abtun. Doch ich glaube, es ist ein passendes Beispiel für die Profanisierung des Heiligen. Für Millionen von Christen ist dies ein Affront. Das was ihnen kostbar und wertvoll ist, wird lächerlich gemacht.
Ein Präsident, der sich selbst als ungläubig bezeichnet, nutzt religiöse Symbole, um sich als Retter und Heiler zu stilisieren. Natürlich gab es dies im Laufe der Jahrhunderte immer wieder, dass sich Herrscher durch spirituelle Symbole hervorgehoben haben. Doch ich finde, durch Trump gewinnt es eine perfide neue Dimension.
Was ist uns noch heilig?
Als kleine Kinder waren mein Bruder und ich regelmäßig auf Erkundungstour. Besonders spannend fand ich als kleiner Junge die Schränke meiner Eltern. Ärger gab es beim Stöbern nur bei den beiden Schubladen im Schlafzimmer meiner Eltern. Die waren tabu.
Nach dem Tod meines Vaters musste die Wohnung geräumt werden. Dabei ging ich auch die Schublade im Nachttisch meines Vaters durch und fand ein Paar Babyschuhe. Zwei kleine handgenähte Mokassins in einem sanften Vanillegelb. Es waren die ersten Schuhe, die ich als Baby getragen hatte.
Sie hatten für meinen Vater eine so große Bedeutung, dass er sie bis zu seinem Tod wie ein Schatz gehütet hatte. Die ersten Schuhe seines ältesten Sohnes. Für mich war dies ein sehr berührender Moment: Mein Vater hatte etwas Profanes für sich als besonders kostbar deklariert.
Der Herrgottswinkel
Für Juden, Christen und Moslems sind Gotteshäuser ihre heiligen Orte. Doch in der säkularen Gesellschaft sind diese Orte häufig nicht mehr frei zugänglich. Aufgrund des Antisemitismus werden alle Synagogen streng bewacht. Etliche Moscheen sind meist nur beim Gebet zugänglich, die meisten Kirchen aus Angst vor Vandalismus verschlossen.
Das Heilige scheint limitiert. In meiner Heimat im Schwarzwald haben viele Bauernhöfe bis heute ihre eigene Hauskapelle. Ein Ort der Anbetung direkt im oder neben dem Haus. In der Bauernstube erinnert ein Kruzifix an den “Herrgottswinkel”. Dort wurde mit der Familie gebetet und Andacht gehalten.
Meine Frau und ich waren vor 15 Jahren in Schottland und Nordengland unterwegs. Dort haben wir uns mit den keltischen Christen beschäftigt und den Anfängen des Christentums. Auf der Insel Iona vor der schottischen Westküste haben wir erfahren, wie die ersten Mönche neues Land eingenommen haben.
Wie wird etwas Profanes heilig?
Sie haben auf dem leeren Acker einzelne Steine gesammelt und daraus eine Mauer gebaut. Dann fingen sie an zu beten: “Dies ist heiliges Land”. Alles innerhalb der Mauer gehörte ab diesem Moment zum göttlichen Territorium. Innerhalb dieser ersten Mauer haben sie dann runde Hütten zum Schlafen und später auch ihre Kapelle errichtet.
Ich fand diese Beobachtung sehr spannend: Als Mensch kann ich etwas profanes wie eine Steinmauer zur Grenze von etwas Heiligem deklarieren.
Als wir vor neun Jahren in den Gutshof gezogen sind, haben wir einen ehemaligen Stall, der als Werkstatt genutzt wurde, zur Kapelle umgestaltet. Leider mussten wir die Kapelle vor einem Jahr räumen. Doch für uns und manche Bewohner aus dem Dorf ist es immer noch ein heiliger Ort.
Rituale und Symbole wertschätzen
Ich glaube, dass wir uns als Gesellschaft ein gutes Sensorium bewahren sollten: Orte und Gegenstände, die für uns kostbar sind, auch als besondere oder gar heilige Ort pflegen sollten.
Mir ist es wichtig, auch in meinem Alltag kleine Symbole und Rituale wertzuschätzen, die für mich als Christ eine Bedeutung haben. Da wir wie viele Menschen keine Kapelle auf dem Grundstück haben, nutzen wir das alte Büffet in der Küche als heiligen Ort.
Neben dem Geschirr und den Gläsern, steht auf der Anrichte ein kleines Kreuz und eine Kerze. Daneben eine Bibel. Nach dem Frühstück drehen wir die Stühle um, zünden die Kerze an und beten miteinander.
Das Büffet ist jetzt unser heiliger Ort. Durch das Ritual haben wir ihn dazu gemacht. Etwas Profanes gewinnt an Bedeutung. Wird für Minuten zum Ort der Anbetung und ist danach wieder Büffet.
Welche Erfahrungen machen Sie: Wo erleben Sie noch Heiliges im Alltag? Ich bin gespannt auf Ihre Kommentare.