Heute schließt Paul Naske sein Praktikum bei mir ab. Der 15jährige Schüler möchte gerne Journalist oder Schriftsteller werden. In den zwei Wochen hat er die unterschiedlichen journalistische Formen von Interview bis Politikerportrait ausprobiert.

Foto: Ilona Dörr-Wälde

Die Firmenräume eines Schriftstellers

Pauls Praktikum beginnt mit einem kuriosen Telefonanruf: Sein Lehrer möchte gerne meine Firmenräume besichtigen. Ich erkläre freundlich, dass ich im Gegensatz zu einer Bäckerei oder einem Dachdeckerbetrieb als Autor keine Geschäftsräume benötige. Ich schreibe im Café, am Meer, in einer einfachen Hütte – je nachdem, wo ich mich gerade befinde.

So treffen wir uns in der Küche bei einer Tasse Kaffee, Paul, sein Lehrer und ich. Er will wissen, warum ich zwei Wochen Lebenszeit investiere. Ich erzähle von den zwei Mentoren in meinem Leben, die mich als 15jährigen Schüler begleitet haben: Meine Lehrerin am Gymnasium und der Chefredakteur der örtlichen Zeitung. Sie haben mich motiviert, meine Geschichten zu schreiben, mir geholfen, dass sie veröffentlicht wurden.

Ohne diese beiden Mentoren wäre ich vermutlich kein Geschichtenerzähler, kein Autor, kein Journalist geworden. Diese Dankbarkeit will ich an Paul weitergeben, eine Generation hilft der nächsten Generation. Schließt ihnen neue Türen auf.

Ich lerne von Paul

Natürlich bin ich neugierig, auch von Paul und seinem Leben zu lernen. Ich will wissen, wie er sich zu politischen und regionalen Themen informiert. Ich vermute, dass er keine Tageszeitung liest und weder ARD noch ZDF anschaut. Stattdessen erwarte ich, dass er über TikTok und Instagram seine Informationen bezieht.

Ich bitte Paul einen Artikel über seine Mediennutzung zu schreiben und bin überrascht, als er mir seine Geschichte vorliest: Paul ist sportlich aktiv, macht seit Jahren Geräteturnen, ist gerne unterwegs. Er registriert die Plakate am Straßenrand. Gerade ist Wahlkampf im Landkreis. Er schreibt ein Portrait über die Blumenhändlerin in seiner Stadt, die als Landrätin kandidiert.

Seine zweite Informationsquelle sind die Erzählungen seines Opas und seines Vaters, die beide Tageszeitung lesen. Sie informieren Paul über die Themen, von denen sie denken, dass sie wichtig für ihn sind. Er selbst liest die Zeitung nur auf Aufforderung.

Politische Diskussionen in der Freundesclique

Fehlanzeige dagegen bei den sozialen Netzwerken. Paul nutzt weder TikTok, noch Instagram. Das überrascht mich. Stattdessen diskutiert er in seiner Freundesclique über politische Themen: „Da gibt es mitunter lange Diskussionen.“

Die letzte Informationsquelle ist die Schule. Einmal pro Woche gibt es ein Tutorium, in dem die Schüler ihre Fragen stellen können. Wenn es keine gibt, startet der Lehrer – so Paul – eine Diskussion über aktuelle politische Themen.

Ich finde diese Rückmeldung von Paul sehr spannend und beobachte das große Interesse seiner Generation. Doch ich glaube, es braucht für die regionalen und politischen Akteure neue Wege, um diese Zielgruppe zu erreichen. Selbst das altmodisch wirkende Plakat hat noch seine Berichtigung, um die nächste Generation der Wähler zu informieren.

Die Geschichten in uns

Von Herzen wünsche ich mir, dass Paul seinen Weg als Journalist oder Schriftsteller findet. Gemeinsam haben wir das Buch von Benedict Wells gelesen: „Die Geschichten in uns“.

Wells beschreibt darin seinen mühsamen Weg vom Schüler zum Bestsellerautor. Er hat Jahre an seinem ersten und zweiten Roman gesessen und immer wieder daran gefeilt, bis er beim Diogenes Verlag publiziert wurde.

Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass jeder Mensch eine Fülle von Geschichten in sich trägt. Doch es braucht Mut und Muse, sie zu Papier zu bringen. Es fängt mit kleinen Einträgen im Tagebuch an, später werden längere Geschichten daraus.

Die beiden Wochen mit Paul haben mich selbst glücklich gemacht. Ich bin sehr gespannt, wie sein Weg weitergeht.

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