Haben Sie eine Freundin oder einen Freund, der besonders gut zuhören kann? Wenn ja, können Sie sich glücklich schätzen. Falls nein möchte ich heute mit Ihnen meine persönlichen Erfahrungen teilen, was einen guten Zuhörer auszeichnet.

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Innere Festigkeit

„Zuhören fällt schwer“ schreibt der Bestseller-Autor Henri Nouwen, „denn es gehört viel innere Festigkeit dazu, sich nicht stets durch klugen Reden, Argumente, Bemerkungen oder Erklärungen beweisen zu müssen.“

Jemand, der sehr gut zuhören kann, ist mein Freund Jürgen. Vor 15 Jahren haben wir uns auf einer Fortbildung kennengelernt. Jürgen fiel mir auf, weil er aufmerksam den Vorträgen und Diskussionen zuhörte und kluge Nachfragen stellte.

In einer Pause sprach ich ihn an und aus diesem Gespräch entwickelte sich über die Jahre eine sehr intensive Freundschaft. Wenn wir uns persönlich treffen oder telefonisch austauschen, spüre ich bei Jürgen aufrichtiges Interesse, ein kluges Nachfragen und sehr viel Lebensweisheit.

Ein hörendes Herz

Henri Nouwen, nennt diese Begabung eine Art „geistliche Gastfreundschaft“. Ich mag diesen Begriff, weil er zwei zentrale Elemente des Zuhörens verbindet.

Lassen Sie mich dazu einen kurzen Ausflug in die Antike machen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Wunsch frei. Einen einzigen, und er würde garantiert erfüllt. Was würden Sie sich wünschen?

Genau diese Frage wird einem jungen Mann vor rund 3.000 Jahren gestellt. Er heißt Salomo, ist gerade König von Israel geworden und steht im Schatten eines übergroßen Vaters: König David. In Gibeon, einem alten Heiligtum nördlich von Jerusalem, erscheint ihm Gott im Traum und sagt: „Bitte, was ich dir geben soll!“ (1. Könige 3,5)

Salomo könnte Reichtum verlangen. Ein langes Leben. Den Sieg über seine Feinde. Er bittet um nichts davon. Er bittet um ein kluges Herz. Im hebräischen Original steht: lev schomea, wörtlich „ein hörendes Herz“. Salomo bittet nicht um mehr Wissen. Er bittet um die Fähigkeit, wirklich zuzuhören.

Der Kern der Weisheit

Darin liegt der Kern seiner Weisheit. Wer klug ist, hat viele Antworten. Wer weise ist, hört zuerst die Frage hinter der Frage. 

Wie dieses hörende Herz arbeitet, zeigt die bekannteste Geschichte über Salomo: Zwei Frauen stehen vor ihm. Beide haben kurz nacheinander ein Kind geboren, eines der Kinder ist in der Nacht gestorben. Nun behaupten beide, das lebende Kind sei ihres. Es gibt keine Zeugen, keine Beweise, nur Aussage gegen Aussage.

Salomo lässt ein Schwert bringen. „Teilt das lebendige Kind in zwei Teile und gebt dieser die Hälfte und jener die Hälfte.“ Die eine Frau ist einverstanden. Die andere schreit auf: „Gebt ihr das Kind, nur tötet es nicht!“ In diesem Moment weiß Salomo, wer die Mutter ist.

Das Geniale daran: Salomo prüft keine Fakten. Er schafft eine Situation, in der die Wahrheit des Herzens sichtbar wird. Liebe will nicht recht behalten. Liebe will, dass das Kind lebt. Bis heute sprechen wir von einem „salomonischen Urteil“, wenn jemand einen scheinbar unlösbaren Konflikt klug auflöst.

Uneingeschränkte Aufmerksamkeit

Nun liegt die Geschichte von Salomo 3.000 Jahre zurück. Vielen Menschen fällt es heute schwer, ihre Aufmerksamkeit auf einen einzigen Menschen zu richten. Zahlreiche Kanäle schreien gleichzeitig nach Aufmerksamkeit.

Wie oft habe ich an den Nachbartischen eines Restaurants beobachtet, wie zwei Menschen sich zum Essen treffen und parallel dazu eine weitere Kommunikation auf dem Handy führen. Multitasking heißt das Zauberwort. Doch es behindert das aktive Zuhören.

Als Gegenüber habe ich das Gefühl, unser Gespräch läuft nebenbei, das digitale andere ist wichtiger.

Zurück zu Henri Nouwen: „Gute Zuhörer sind frei und bereit zu empfangen, zu begrüßen und aufzunehmen. Zuhören ist viel mehr, als einem anderen zu reden zu gestatten, währenddessen man selbst auf eine Gelegenheit der Erwiderung wartet. Zuhören bedeutet, anderen unsere uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu schenken und sie in unserem Inneren zu begrüßen.“

Das wahre Ich entdecken

Bei meinem Freund Jürgen spüre ich, welche tiefen Schichten seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit berührt. Ich fühle mich verstanden und in meiner Persönlichkeit akzeptiert.

Dies bestätigt auch Henri Nouwen: „Das Schöne des Zuhörens zeigt sich darin, dass diejenigen, denen zugehört wird, mehr und mehr das Gefühl erhalten, akzeptiert zu sein, die eigenen Worte ernster zu nehmen und dabei ihr wahres Ich zu entdecken. „

Lassen Sie mich zum Schluss nochmals auf seinen Begriff der „geistliche Gastfreundschaft“ zurück kommen. Ich glaube jeder von uns hat schon solche besonderen Momente der Herzensbegegnung erlebt.

Für mich sind es heilige Momente, wenn ich spüre, mein Gegenüber ist ganz auf Empfang, nicht abgelenkt. Er oder sie nehmen mit allen Sinnen auf, was ich erzähle. Schweigen, reflektieren und spiegeln etwas von dem, was ich gerade gesagt habe.

Gemeinsam schweigen

Kürzlich saß ich mit meinem Freund im Wald. Wir hatten ein sehr intensives Gespräch, jeder hat dem anderen zugehört. Nach drei intensiven Stunden schien für den Moment alles gesagt. Dann saßen wir einfach schweigend nebeneinander und haben nur noch die Stille, das Rascheln der Blätter, aber auch unsere Nähe auf der Bank genossen.

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