Wie geht man mit Büchern, Dias und CDs um, die das Leben eines Menschen erzählen? In der digitalen Welt ist das einfach: Ein Klick und weg sind tausend Bilder. Doch der analoge Besitz hat Gewicht, muss verwaltet oder entsorgt werden.

Erbe

Drei Umzugskartons voller Leben

An Pfingsten sitze ich im Garten und lese bei dem Kölner Philosophen Dr. Frank Berzbach eine wunderschöne Geschichte. In seinem Buch “Die Kunst zu lesen” schreibt er von einem Fund vor einer alten, inzwischen geschlossenen Apotheke.

Berzbach erinnert sich an den einzigen Besuch bei der alten Dame. Dann entdeckt er drei Umzugskartons vor ihrem Haus und das Schild “Zu verschenken”.

Ganz offensichtlich haben die Erben nach ihrem Tod die Wohnung geräumt und die Bücher ihres Lebens vor die Tür gestellt. “Hier wird ein Leseleben verschenkt”, schreibt Berzbach und erzählt akribisch, was die Apothekerin gelesen hat und was nicht. Anhand der Bücher und Autoren analysiert er, dass die alte Dame einen erlesenen Geschmack hatte.

Seine Vermutung: Die Dame hat auf das Feuilleton einer großen überregionalen Zeitung vertraut und anhand der Buchempfehlungen ihre Literatur gekauft. Kleine Pointe am Rande: In einem der drei Kartons sind auch zwei Bücher von Berzbach.

Es bestimmt in tiefer Weise unsere ganze Existenz

Seit Monaten bin ich dabei, mein eigenes Leben aufzuräumen. Mit jedem Foto, jeder CD und jedem Dia habe ich nochmals mein Leben in die Hand genommen und mich dann davon verabschiedet.

Inspiriert von Marie Kondos Buch “Magic Cleaning” habe ich viele Alltagsgegenstände bewertet. Auch Frank Berzbach ist über Kondos Buch gestolpert. “Es ist vordergründig praktisch, betrifft scheinbar nur den trivialen Alltag, aber die Sache bestimmt in tiefer Weise unsere ganze Existenz.”

Wir beide haben uns vor vier Wochen am Frühstückstisch in einem Hotel in Augsburg kennengelernt. Unser Austausch war so beflügelnd, dass wir uns seitdem hin und wieder schreiben. Gleichzeitig verbindet uns die Liebe zur Literatur und zum Schreiben.

Ein tiefer Schmerz

Als ich an Pfingsten glücklich im Garten sitze und sein Buch lese, überfällt mich von einem Moment auf den anderen ein tiefer Schmerz. Ich bin selbst überrascht, mit welcher Wucht mich dieses Gefühl erwischt und versuche ihm nachzuspüren.

Frank Berzbach schreibt “Die Ordnung, die wir schaffen, antwortet uns, sie prägt uns.” Ich spüre neben dem Glück, dass ich meine analoge Foto und Dia-Sammlung zuerst gesichtet, digitalisiert und dann entsorgt habe, plötzlich einen großen Verlust.

Ich spüre, dass mir die haptischen Originale emotional fehlen. Die Schwarzweißfotos aus den sechziger Jahren, die verblassten Dias aus den Achtzigern. War ich zu schnell, zu pragmatisch beim Entsorgen?

Natürlich habe ich die wertvollsten Erinnerungsstücke noch auf meinem Computer. Wenn ich mal nicht mehr bin, muss niemand Schränke mühsam durchforsten und volle Kisten zum Container schleppen. Doch ich vermisse die Option, meine alten Kodachrome-Rahmen noch einmal in das runde Magazin zu stecken und einen nostalgischen Diaabend zu machen.

Wer ein Leseleben verschenkt

Ob Dia oder Buch. Das analoge Erbe eines Lebens hat große emotionale Kraft. Wenn ich es neben vollen Schränken auf dem Fußboden stapelt, wird es zur Last. Doch wenn es final entsorgt ist, fehlt mir die haptische Identität.

“Hier wird ein Leseleben verschenkt, der Zusammenhang wird sich unter die Leute streuen wie Flugasche”, schreibt Berzbach. “Wer es zu Lebzeiten tut, steuert mit, wohin sie gelangen.”

Doch das Aussortieren hinterlässt Lücken. Das habe ich im Januar erlebt, als ich meinen Bücherschrank komplett leer geräumt habe. Nun stehen neben meinem Schreibtisch nur noch die Bände im Regal, die in meiner aktuellen Lebensphase eine emotionale Bedeutung haben. Benedict Wells, Die Geschichten in uns oder Haruki Murakami, Von Beruf Schriftsteller.

“Auch meine Bücher werden irgendwann in einer Umzugskiste auf der Straße stehen, ich hoffe es regnet dann nicht”, prophezeit Frank Berzbach. “Der Zufall schreibt wahre Geschichten, vor allem dir, dass es Zufälle nicht gibt.”

Danke, lieber Frank für dieses kunstvolle Lesebuch.

Sein neues Buch heißt Alphabet der Lebenskunst