Hand aufs Herz: Wann haben Sie als Chef Ihren Mitarbeitern zum letzten Mal ein Kompliment gemacht? Ich bin überzeugt, dass Sie mit ehrlichen Komplimenten einen hohen Motivationsschub erreichen. Die wichtigsten fünf Regeln habe ich für Sie in diesem Beitrag zusammengefasst.

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Fokussieren Sie sich auf positive Beobachtungen

Ich bin ich Baden-Württemberg aufgewachsen und habe von frühester Kindheit immer wieder diesen Satz gehört: “Nicht geschimpft ist genug gelobt!” Was auf den ersten Blick wie ein harmloser Scherz klingt, ist aus kultureller Sicht grober Unfug.

Mit dieser Prägung starten etliche Führungskräfte ihren Tag im Fehlersuch-Modus und suchen permanent nach Misständen. Statt sich die Zeit für ein ermutigendes Feedback zu nehmen, kommen sie schnell auf den kritischen Punkt zu sprechen und wundern sich dann, wenn die Motivation sinkt.

Keine Sorge: Ich bin niemand, der Fehler schön reden will. Doch wer primär über Kritik sein Team führt, muss sich nicht wundern, wenn die Stimmung umschlägt.

Komplimente sind wirkungsvoller als Kritik

In einer wissenschaftlichen Studie wurde untersucht, welche Auswirkungen Kundenumfragen auf das Kaufverhalten haben: Kunden, die zuerst nach positiven Dingen gefragt wurden, statt nach Verbesserungsvorschlägen, kauften häufiger wieder bei dieser Firma ein. Die Untersuchung ergab: Durch den positiven Einstieg im Dialog entstand eine positive Beziehung zum Anbieter.

Denselben Effekt erleben Sie als Führungskraft, wenn Sie in einer Teamsitzung Ihre Mitarbeiter zuerst nach den Dingen fragen, die beim letzten Projekt besonders gut gelaufen sind. In der Regel erleben Sie eine positive Grundstimmung im Team, die das gegenseitige Vertrauen stärkt.

Warum ein Komplimente-Knigge so wichtig ist

Damit Sie auch in kniffligen Situationen den richtigen Ton treffen, habe ich für Sie einen kompakten Komplimente-Knigge zusammengestellt. Vorab möchte ich nochmals deutlich darauf hinweisen: Ignorieren Sie Fehler nicht. Sprechen Sie als Führungskraft konkret kritische Punkte an.

Doch belassen Sie es nicht dabei. Nutzen Sie jede passende Chance zu einem wertschätzenden und ermutigenden Feedback. Ihre Mitarbeiter im Team erkennen sehr schnell, ob das “Gesamtpaket” an Feedback stimmt und Ihre Rückmeldung ehrlich gemeint ist.

1. Bleiben Sie natürlich

Manche Vorgesetzte übertreiben es derart mit den Komplimenten, dass die Mitarbeiter den Eindruck gewinnen “der will sich anbiedern”. Wenn Sie eher introvertiert sind, werden Sie vermutlich eher sachlich loben und ermutigen. Das ist absolut in Ordnung, sie punkten mit Natürlichkeit.

Wenn Sie extrovertiert führen, kommt Ihnen ein Kompliment leichter über die Lippen. Hinterfragen Sie sich selbst kritisch: Meine ich es wirklich ehrlich? Wenn nicht, empfehle ich Ihnen besser zu schweigen.

2. Verzichten Sie auf Sandwich-Taktik

Zuerst ein Kompliment machen und dann kritisieren? Offen gestanden halte ich von dieser Sandwich-Taktik überhaupt nichts. Nach meiner Beobachtung wird sie gerne von harmoniebedürftigen Chefs angewandt. Doch dem Mitarbeiter hilft sie nur wenig, weil er sehr schnell merkt, wie der Hase läuft und beim ersten Kompliment schon die Schultern einzieht, statt dies zu genießen.

Stattdessen empfehle ich Ihnen Komplimente strickt von Kritik zu trennen. Nur bei regelmäßigen Mitarbeitergesprächen halte ich eine Kombination von positivem Feedback und Verbesserungsvorschlägen für sinnvoll.

Mein Tipp: Reden Sie Konflikte nicht schön und malen Sie auch misslungene Aktionen nicht bunt an.

3. Dosieren Sie Ihre Komplimente

Ich persönlich finde jedes Kompliment als etwas ganz Besonderes. Von daher empfehle ich Ihnen auf das richtige Maß zu achten: Überschütten Sie Ihre Mitarbeiter nicht mit einer Flut von positiven Aufzählungen. Loben Sie einen konkreten Punkt und belassen Sie es dabei.

Bitte verzichten Sie auch auf einen Rundum-Schlag: Wenn drei Mitarbeiter im selben Büro sitzen, zuerst einen Kompliment für Herrn Neubert, dann für Frau Schulte und schließlich für Frau Seifert. Das wirkt nicht authentisch!

Danken Sie stattdessen Ihrem gesamten Team, wenn ein gemeinsames Projekt gelungen ist. Äußern Sie Komplimente individuell – am Besten unter vier Augen.

4. So gelingen faire Komplimente

Fokussieren Sie Ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf die Sympathieträger in Ihrem Unternehmen. Bleiben Sie beim Verteilen von Komplimenten auch fair gegenüber den Personen, die nicht zu Ihren “Lieblingen” zählen.

Ich bin mir sicher, Sie finden bei jedem Mitarbeiter einen Anteil, den Sie lobend herausstellen können. Nutzen Sie die nächste Gelegenheit, um Ihre positive Beobachtung zu benennen.

Vermeiden Sie Neid und Missgunst, indem Sie auch bei allen Mitarbeitern fair mit Kritik und Komplimenten umgehen. Verzichten Sie bewußt auf Vergleiche: “Das haben Sie viel besser als die Kollegin gemacht.”

5. Körperliche Komplimente sind tabu

Zum Abschluss möchte ich noch auf “äußerliche Komplimente” eingehen: Tabu sind alle körperlichen Eigenschaften, für die jeder Mensch dankbar sein sollte, aber nicht selbst gewählt sind. Konkret: Komplimente für schöne Augen, einen athletischen Körperbau, attraktive Haare zählen im Businessalltag zur Tabu-Zone.

Wenn Sie als Vorgesetzter dagegen eine originelle Krawatte loben oder eine passende Brille, sind Sie auf der sicheren Seite. Auch hier sollten Sie unbedingt Maß halten. Falls Sie einen Mitarbeiter nur für Äußerlichkeiten loben und nie für seine Leistungen, kann dies mitunter sehr peinlich werden.

Gerade bei einem introvertierten Verhaltensstil kann es Ihnen passieren, dass sich Ihr Mitarbeiter schlecht fühlt, weil er nur auf Äußerlichkeiten reduziert wird.

Mein Tipp: Praktizieren Sie in Ihrem Unternehmen eine ausgewogene Kultur der Wertschätzung, in der Komplimente selbstverständlich dazu gehören. Gehen Sie als Vorgesetzter mit gutem Beispiel voran. Ich bin mir sicher, dass Sie damit auch den ermutigenden Austausch von Komplimenten im gesamten Team fördern.